3. Oktober
Meine Mama und die Insel Hiddensee
Meine Mama hat einen großen Teil ihrer Jugend auf der wunderschönen Insel Hiddensee verbracht. Du kennst diese Insel nicht?
Hiddensee vor der Wiedervereinigung
„Verbotene Insel“ für viele: Hiddensee lag direkt an der Ostseegrenze zur Bundesrepublik. Damit war sie Teil des streng bewachten Sperrgebiets. Urlaub machen durfte hier nicht jeder, vor allem keine „Republikflüchtlinge“. Zugang war eingeschränkt, es gab Kontrollen, und man brauchte teilweise Sondergenehmigungen.
Insel der Künstler: Gleichzeitig war Hiddensee ein Rückzugsort für Intellektuelle und Künstler aus der DDR, etwa Schriftsteller, Maler und Schauspieler. Viele kamen hierher, um die Ruhe und Natur zu genießen. Gerhart Hauptmann hatte hier ein Sommerhaus. Kaum Tourismus im westlichen Sinn: Die DDR-Ferienheime dominierten das Bild. Die Infrastruktur war sehr einfach, wenig private Quartiere, kaum Gastronomie im modernen Sinn. Vieles war staatlich organisiert.
Hiddensee nach der Wiedervereinigung
Plötzlich offen: Mit dem 3. Oktober 1990 war Hiddensee von einem Tag auf den anderen für alle zugänglich. Viele Westdeutsche reisten neugierig hin, eine Insel, die lange „unerreichbar“ war.
Tourismusboom: Pensionen, Ferienwohnungen und Restaurants schossen hoch. Alte Häuser wurden saniert, neue Unterkünfte entstanden. Die Zahl der Besucher stieg rasant, und Hiddensee wurde ein Sehnsuchtsort für Sommergäste aus ganz Deutschland.
Heute: Hiddensee ist immer noch mehr oder weniger autofrei, naturbelassen und beliebt für ruhigen, eher „stillen“ Tourismus. Es hat sich ein Spagat entwickelt zwischen Schutz der einzigartigen Landschaft und der Nachfrage nach Urlaub. Die Insel ist Symbol für das, was die Wende mit vielen ostdeutschen Orten gemacht hat: Öffnung, Chancen, aber auch Brüche und Verluste.
Meine Erinnerungen an die Insel
Ich kenne beide Zeitzonen, vor und nach der Wiedervereinigung. Ich kann mich noch sehr gut an die Zeiten erinnern, als ich mit meinen Eltern zusammen in die DDR gereist bin. Meine Oma und viele Verwandte meiner Mama haben dort gelebt und leben auch teilweise immer noch dort. Es war immer besonders aufregend, wenn wir mit dem Zug die Grenze passierten. Man hatte Respekt vor den Kontrollen, und alle waren angespannt. Im Osten waren wir mit unserer Westmark recht beliebt.
Ich erinnere mich, dass ich Mickey Mouse Hefte als Mitbringsel dabei hatte. Das war eigentlich verboten, und wir mussten sie schmuggeln. Auf der Insel angekommen, war es immer eine wunderschöne Zeit. Auch wenn alles eher einfach war, war es auch einfach schön. Die Toilette war ein kleines Häuschen vor dem Haus, und nachts da rauszumüssen war nicht wirklich angenehm. Aber da war meine Blase noch so jung, und der nächtliche Außenspaziergang war eher die Ausnahme.
Ich erinnere mich noch an sehr viele Momente mit meinen Tanten und Onkels, einem Schäferhund und natürlich an den Leuchtturm. Ebenso erinnere ich mich noch an das Glockenleuten.
Der 3. Oktober 1990
Um Null Uhr am 3. Oktober 1990 trat der Einigungsvertrag formal in Kraft, und das Land war rechtlich wiedervereint. In vielen Städten läuteten um Mitternacht die Glocken. Kurz darauf fuhren plötzlich Trabbis durch unsere Straßen, ein Anblick und ein Gestank, den man nie vergisst.
Der 3. Oktober ist einer dieser Tage, die in den Kalendern stehen, aber im Alltag oft verblassen. Ein Feiertag, ja, ein freier Tag, doch dahinter steckt so viel mehr.
1990, nach Jahrzehnten der Teilung, nach Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl, wurde Deutschland wieder vereint. Ein Land, das vorher in zwei Systeme, zwei Welten, zwei Wirklichkeiten geteilt war. Für die einen war es die ersehnte Freiheit, das Reisen ohne Grenzen, das Leben ohne Kontrolle. Für andere kam mit der Wende auch der Verlust: Arbeitsplätze, Gewohnheiten, Sicherheiten, und plötzlich war vieles nicht mehr wie zuvor.
Heute, 35 Jahre später, spürt man beides: das Gute und das Schwierige. Die Wiedervereinigung hat Familien zusammengebracht, Städte und Landschaften geöffnet, sie hat neue Möglichkeiten geschaffen. Es gibt keine Mauer mehr, die Menschen trennt, keine Grenze, die durch Orte und Herzen verläuft.
Und doch: nicht alles ist wirklich eins geworden. Unterschiede bleiben, im Lohn, in den Renten, in den Chancen. Es gibt Narben der Vergangenheit, die nicht verschwinden, und auch ein Gefühl, dass „Ost“ und „West“ manchmal immer noch nebeneinanderstehen, statt miteinander.
Einheit als tägliche Aufgabe
Vielleicht ist das die Wahrheit über Einheit: Sie ist kein Zustand, den man einmal erreicht und dann abhaken kann. Einheit ist eine Aufgabe, jeden Tag neu. Sie lebt davon, wie wir miteinander umgehen, ob wir zuhören, verstehen, und Brücken bauen.
Der 3. Oktober erinnert uns daran, wie wertvoll Freiheit ist, und dass man sie nie für selbstverständlich halten sollte. Er erinnert auch daran, dass Versöhnung Zeit braucht. Vielleicht länger, als man dachte. Aber vielleicht ist gerade das der Grund, weiterzumachen: damit aus zwei Geschichten langsam wirklich eine gemeinsame wird.
Ein persönlicher Zufall
Von dem Tag an, als ich mit meiner heutigen Frau zusammenkam, war der 3. Oktober aber auch aus einem anderen Grund besonders. Mein Schwager und meine Schwiegermutter hatten bzw. haben an diesem Tag gemeinsam Geburtstag. Auch ein verrückter Zufall, oder.
So wird dieser Tag immer ein besonderer Tag bleiben.
Alles Gute zum Geburtstag, alles Gute zur Wiedervereinigung.