Alles wieder auf Anfang

Ich muss zugeben, es fällt mir nicht leicht, in ein neues Jahr mit Freude zu starten. Aller Anfang ist schwer, sagt man, und so geht es mir eigentlich jedes Jahr. Vielleicht wird es auch, je älter man wird, immer schwieriger oder man braucht einfach mehr Zeit, um wirklich anzukommen.

Vor uns liegt, abgesehen von den bereits vergangenen Tagen, ein leeres Blatt. Es fühlt sich ähnlich an wie an den Tagen, an denen ich einen neuen Blogbeitrag beginne. Der Cursor blinkt mich an. Manchmal scheint er mich anzulächeln, manchmal eher auszulachen. Er blinkt mit der Präzision eines Uhrwerkes, unbeirrt, nichts kann ihn aus der Ruhe bringen.

Manchmal bleibt die Seite eine ganze Weile leer, bis meine Finger wie von selbst anfangen zu schreiben. Das Thema habe ich mir oft schon überlegt oder Tage zuvor notiert. Und dann gibt es diese Momente, in denen plötzlich Ereignisse oder Empfindungen alles Geplante über Bord werfen. Am Ende entsteht etwas ganz anderes als ursprünglich gedacht.

Alles auf Anfang, alles auf Null. Alle, die im Job mit Umsätzen und Zielen zu tun haben, kennen dieses Gefühl. Alles Erreichte ist schnell Schnee von gestern. Hast Du Dein Ziel erreicht, sollte es im neuen Jahr am besten noch übertroffen werden. War das Ergebnis im letzten Jahr nicht gut, muss es dieses Jahr deutlich besser laufen. Und jedes Jahr denke ich aufs Neue, das kann doch nicht immer wieder funktionieren. Und doch habe ich in den vergangenen Jahren oft kurz vor der Ziellinie gedacht, es hat tatsächlich wieder funktioniert.

Am Ende des Jahres ist auch mein Bonusheft meiner Krankenkasse ausgefüllt. Alle Untersuchungen sind notiert, zum Glück alle ohne Befund. Für mich fühlt sich das jedes Mal an wie das Bewegen über ein Minenfeld. Jeder Schritt könnte Folgen haben. Kommt man unbeschadet hindurch, kann man sich glücklich schätzen. Aber kaum ist man am Ziel, wartet schon das nächste Feld. Bleibt das Glück? Kleine Verletzungen sind meist schnell vergessen, größere können das ganze Leben auf den Kopf stellen. Und dann sind da noch die Menschen, die man liebt, die diesen Weg ebenfalls gehen müssen. Das macht die Gedanken nicht leichter.

Alles auf Anfang. Was mag das neue Jahr für uns bereithalten? Von der weltpolitischen Lage, die zunehmend beängstigend wirkt, einmal ganz abgesehen. Schon die kleine Blase, in der wir leben, ist Herausforderung genug.

Der Januar scheint bei vielen im Zeichen der Rechnungen zu stehen. Gefühlt dauert dieser Monat unendlich lange. Eine Rechnung nach der anderen flattert ins Haus. Viele Daueraufträge greifen jetzt, Beträge werden abgebucht, mit denen man gerade nicht gerechnet hat. Eigentlich ist das nichts Neues, schließlich passiert es jedes Jahr. Und trotzdem trifft es einen immer wieder überraschend, genauso wie Weihnachten scheinbar plötzlich vor der Tür steht.

Und dann sind da noch die guten Vorsätze. Jedes Jahr aufs Neue nimmt man sich Dinge vor, obwohl man sich eigentlich geschworen hat, es dieses Mal einfach zu lassen. Wenn die Erwartungen zu hoch sind, sind Enttäuschungen fast schon vorprogrammiert.

Der Winterblues ist noch lange nicht überwunden. Morgens ist es lange dunkel und kaum wird es einmal hell, verabschiedet sich die Sonne auch schon wieder. In dieser Zeit vergleicht man sich oft besonders stark mit anderen. Viele berichten, was für ein großartiges Jahr sie hatten und dass es genauso erfolgreich weitergeht. Will man das immer hören? Kann man das immer hören?

Die Motivation lässt oft schneller nach als gedacht. Unsicherheit macht sich breit. Was, wenn sich nichts ändert und alles Negative uns auch in diesem Jahr begleitet? Zu viele Pläne auf einmal können schnell überfordern.

Und doch liegt da wieder dieses leere Blatt vor uns. Alles beginnt von vorne. Aber ist das nicht vielleicht auch etwas Schönes? War das letzte Jahr im Gesamten eher schwierig, dann drück doch einfach die Reset-Taste. Dieses Jahr kann besser werden. Schließlich haben wir aus den Erfahrungen gelernt.

Du kannst Dir neue Ziele setzen oder alte anpassen. Vielleicht waren die bisherigen einfach zu hoch. Ich habe mir vorgenommen, genauer auf meine Ernährung zu achten. An Tag neun bin ich ein wenig stolz darauf, dass es bisher funktioniert. Kein Naschen, auch wenn es manchmal schwerfällt. Die Schublade wird aus Gewohnheit geöffnet, lauter Leckereien schauen mich an und das Schließen scheint dann plötzlich schwerer zu sein. Wahrscheinlich klemmt sie. Schaffe ich es, greife ich zur Obstschale. Nach mindestens einem Stück fühle ich mich tatsächlich richtig gut.

Auch meine Smartwatch zeigt sich bisher zufrieden mit mir. Sie lobt meinen Einsatz und das errechnete biologische Alter liegt deutlich unter meinem tatsächlichen. Es geht also doch.

Ein Rückblick auf das alte Jahr kann neben all den kritischen Gedanken auch positive Erkenntnisse bringen. Neue Chancen werden sichtbar, Hoffnung und vorsichtiger Optimismus machen sich breit. Das Gefühl, dass vieles besser werden kann, wächst. Man muss ihm nur Raum geben, es erkennen und festhalten.

Die Urlaubsplanung wird in Angriff genommen, falls sie noch nicht begonnen hat. Und auch wenn die Dunkelheit weiterhin nervt, heute war der Sonnenuntergang um 16:16 Uhr. In einem Monat ist es schon deutlich später, im März erst am frühen Abend. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass sich Dinge verändern.

Alles auf Anfang kann also eine echte Chance sein. Nicht alles ist festgelegt. Starte bewusst, statt sofort loszurennen. Auch kleine Schritte zählen. Neue Morgen und neue Abende liegen vor Dir. Es ist die Möglichkeit für kleine, leise Veränderungen. Fehler aus der Vergangenheit sind zu Erfahrungen geworden.

Mir geht es oft so, dass ich zu verkopft bin. Im Kopf wird alles im Voraus hinterfragt und schnell rutscht das eine oder andere in eine negative Ecke. Dabei wird es in den meisten Fällen positiv ausgehen.

Aber genau das ist das Schöne am Menschsein. Wir können uns weiterentwickeln und ein Leben lang dazulernen.

Vielleicht gelingt es uns, negative Gedanken einen Moment leiser zu drehen und den Blick bewusst auf die vielen schönen Dinge zu richten, die zweifellos da sind. Es klingt einfach, ist es aber für viele nicht. Und vielleicht reicht es auch, einfach damit anzufangen. Alles auf Anfang.