Als Fußball noch Fußball war
Gestern hat die Fußball Weltmeisterschaft begonnen. Was für ein Spektakel.
Es ist die größte Fußball Weltmeisterschaft aller Zeiten. 48 Mannschaften kämpfen in 104 Spielen um den Titel. Erstmals wird das Turnier in drei Ländern gleichzeitig ausgetragen, in den USA, Kanada und Mexiko. Eigentlich müsste mein Herz Purzelbäume schlagen.
Aber diese Purzelbäume sind sehr überschaubar.
Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, wird mir sofort warm ums Herz. Mit sechs Jahren stand ich zum ersten Mal auf einem Fußballplatz. Beim Postsportverein bekam ich mein erstes gelbes Trikot. Der Trainer hielt es kurz an meinen Körper, nickte zufrieden und sagte nur: „Passt.“ Dann war der Nächste dran.
An diesen einen Satz kann ich mich bis heute erinnern.
Die ersten Spiele hatten mit Fußball eigentlich noch nicht viel zu tun. Es gab zwar eine Aufstellung, aber spätestens nach dem Anpfiff rannten alle Kinder gleichzeitig hinter dem Ball her. Taktik bestand damals darin, möglichst schnell an den Ball zu kommen. Und trotzdem war jedes Spiel ein kleines Abenteuer.
Am Spielfeldrand standen Eltern, Großeltern, Geschwister und Freunde. Alle fieberten mit, als würde es bereits um die Weltmeisterschaft gehen.
Nach einiger Zeit wurde unser Trainer Jugendobmann und ein neuer Trainer musste her. Mein Vater nutzte die Gelegenheit und übernahm die Mannschaft. Rückblickend kann ich nur sagen, dass er das mit unglaublich viel Herzblut gemacht hat. Er war viele Jahre unser Trainer, motivierte uns, organisierte alles und hatte immer ein offenes Ohr.
Damals lernte ich auch meinen besten Freund Thorsten kennen. Wir waren gerade einmal sechs Jahre alt, er sogar erst fünf, und spielten viele Jahre gemeinsam Fußball. Wenn ich heute daran denke, sehe ich nicht nur ihn vor mir, sondern gleich seine ganze Familie. Sie waren immer dabei. Genau wie meine. Es waren wunderbare Jahre voller Erinnerungen, die bis heute geblieben sind.
Als Jugendlicher war Fußball ohnehin ein fester Bestandteil meines Lebens. In meinem Zimmer hingen Poster der Nationalmannschaft aus der Bravo. Jeder Spieler hatte seinen festen Platz an der Wand. Natürlich wollte man sein wie Gerd Müller oder die anderen großen Idole dieser Zeit. Man kannte jede Rückennummer, jede Aufstellung und diskutierte stundenlang darüber, wer der Beste war.
1994 erfüllte sich dann ein Traum.
Die Weltmeisterschaft fand in den USA statt und ich durfte tatsächlich drei Vorrundenspiele der deutschen Nationalmannschaft live erleben. Darüber habe ich hier auf meinem Blog schon einmal ausführlich berichtet. Für mich war das ein unvergessliches Erlebnis. Die Atmosphäre in den Stadien, die Menschen und das gemeinsame Feiern werde ich nie vergessen. Dass Deutschland früh ausschied, war natürlich enttäuschend. Die Erinnerungen sind trotzdem geblieben.
Der absolute Höhepunkt war für mich allerdings das Jahr 2006.
Eine Weltmeisterschaft im eigenen Land erlebt man vermutlich nur einmal im Leben. Deutschland verwandelte sich in ein riesiges Fußballfest. Zu jedem Spiel kamen Freunde vorbei, wir grillten, fieberten mit und das ein oder andere Bier gehörte natürlich ebenfalls dazu.
Ich erinnere mich noch genau an den ersten Autofahrer mit einer Deutschlandfahne am Fenster. Ehrlich gesagt dachte ich damals noch: Was stimmt denn mit dem nicht?
Ein paar Tage später hatte ich selbst mehrere Fahnen am Auto.
So schnell kann es gehen.
Ich lief mit einer Deutschland Perücke durch die Gegend, wollte mein Trikot am liebsten gar nicht mehr ausziehen und war nach dem ein oder anderen Bier fest davon überzeugt, dass eine kleine Deutschlandfahne als Tattoo eine richtig gute Idee wäre.
Zum Glück konnte meine Frau mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Und noch mehr Glück war, dass um diese Uhrzeit kein Tattoostudio mehr geöffnet hatte. Wer weiß, womit ich sonst heute noch herumlaufen würde.
Weniger Glück hatte allerdings mein eBay Konto.
Ebenfalls nicht mehr ganz nüchtern ersteigerte ich zwei Eintrittskarten für ein Spiel in Berlin. Statt ungefähr 30 Euro wurden daraus plötzlich rund 300 Euro pro Karte.
Am nächsten Morgen war der Blick aufs Konto zwar ernüchternd, die Erinnerung an dieses Spiel mit meiner Frau dafür umso schöner. Manchmal entstehen die besten Geschichten eben genau dann, wenn man vorher nicht ganz so vernünftig war.
Nach den Spielen fuhren hupende Autokorsos durch die Straßen. Fremde Menschen lagen sich in den Armen. Auch meine Frau und ich machten uns damals auf den Weg zu einem Platz in unserer Nähe, der liebevoll Jürgen Klinsmann Platz genannt wurde. Dort standen Hunderte Menschen, sangen gemeinsam, feierten miteinander und tranken ein Bier. Niemand kannte den anderen und trotzdem fühlte es sich an, als wäre ganz Deutschland für einen Moment eine einzige große Familie.
Ob wir so etwas noch einmal erleben werden?
Ich glaube ehrlich gesagt nicht.
Natürlich werde ich mir auch diese Weltmeisterschaft anschauen. Deutschland greift am Sonntag ins Turnier ein und selbstverständlich drücke ich unserer Mannschaft die Daumen. Aber wenn ich ehrlich bin, kenne ich längst nicht mehr alle Spieler. Früher hätte ich jede Rückennummer gewusst. Heute muss ich manchmal überlegen, wer überhaupt nominiert wurde.
Vielleicht hat mein Kollege recht, wenn er immer sagt: Alles hat seine Zeit.
Schade finde ich allerdings, wohin sich der Fußball entwickelt hat. Diese Weltmeisterschaft ist die größte aller Zeiten. Gespielt wird quer durch Nordamerika. Die Entfernungen sind riesig, die Ticketpreise für viele Fans kaum bezahlbar, Hotels und Flüge kosten teilweise ein kleines Vermögen und auch die Anreise innerhalb der USA schlägt ordentlich zu Buche. Schon vor dem ersten Anpfiff war von Visa Problemen, hohen Kosten und organisatorischen Schwierigkeiten zu lesen. Dabei sollte eine Weltmeisterschaft doch eigentlich ein Fest für alle Fußballfans sein und nicht nur für diejenigen, die es sich problemlos leisten können.
Meine Frau und ich lieben die USA. Jahrelang habe ich gesagt, wenn dort noch einmal eine Weltmeisterschaft stattfindet, dann müssen wir unbedingt dabei sein. Dieses Mal haben wir uns bewusst dagegen entschieden. Nicht weil uns die Lust fehlte, sondern weil aus einem Fußballfest für viele Menschen inzwischen ein Luxus geworden ist.
Vielleicht werde ich trotzdem das ein oder andere Spiel nachts um drei Uhr anschauen. Früher hätte ich darüber überhaupt nicht nachgedacht. Heute überlege ich vorher, ob mir der Schlaf nicht doch wichtiger ist. Wahrscheinlich stehe ich am Ende trotzdem auf. Irgendwie hat man doch das Gefühl, der eigenen Mannschaft auf diese Weise ein kleines bisschen Unterstützung schicken zu können.
Möge am Ende die beste Mannschaft Weltmeister werden.
Und vielleicht erinnert uns dieses Turnier ja doch noch einmal daran, warum wir diesen Sport einmal so geliebt haben. Nicht wegen der Milliarden, nicht wegen der Vermarktung und auch nicht wegen immer neuer Rekorde.
Sondern wegen dieses einen Augenblicks, wenn ein Ball im Tor einschlägt, Fremde sich jubelnd in den Armen liegen und für einen kurzen Moment die Welt einfach nur Fußball ist.
Vielleicht ist genau das das Schönste an Erinnerungen.
Sie altern nicht.
Sie werden mit jedem Jahr wertvoller.
PS.:
Thorsten ist übrigens bis heute mein bester Freund. Natürlich sehen wir uns längst nicht mehr jede Woche wie früher auf dem Fußballplatz. Jeder lebt sein eigenes Leben. Trotzdem haben wir über all die Jahrzehnte nie den Kontakt verloren, haben Anteil am Leben des anderen genommen und waren auch aus der Ferne irgendwie immer füreinander da.
Vielleicht sind genau das die größten Siege im Leben. Nicht Pokale oder Medaillen, sondern Freundschaften, die Jahrzehnte überdauern und sich anfühlen, als wäre seit dem ersten gemeinsamen Anpfiff kaum Zeit vergangen.
Das Foto beweist übrigens, dass man Fußballbegeisterung damals durchaus auch am Alkoholpegel erkennen konnte.