Auf einer Wellenlänge
In meiner Jugend war das Angebot, also damit meine ich die Möglichkeiten, die man damals hatte, noch begrenzt.
Viele meiner Freunde waren in einem Fußballverein, viele liebten Mickey Mouse oder Perry-Rhodan-Romane, fast alle schauten Wetten, dass..? und Ein Colt für alle Fälle, gingen gerne am Sonntag ins Junior-Kino. Nach der Schule traf man sich draußen zum Spielen, fuhr mit dem Fahrrad an den Strand, später ging man in die Disco um die Ecke.
Der Freundeskreis war oft sehr groß, und wenn der eine weniger und der andere mehr hatte, dann traf man sich einfach untereinander und gehörte oft schnell dazu. Man hatte immer zügig ein Gesprächsthema. Viele waren auf einer Wellenlänge.
Es gab auch keine Schwierigkeiten, ein Treffen zu organisieren, wobei das Wort organisieren schon länger ist als die Zeit, die man dafür benötigte. Uhrzeit und Ort verabredet, fertig, und man war da.
Natürlich gab es damals auch Meinungsverschiedenheiten. Das gehört ja zum Leben und auch zu einer Freundschaft dazu, denn das macht erst die richtige Würze aus und den Alltag interessant. Und auch wenn ich mich wieder einmal in einem Beitrag wiederhole, ich erinnere mich gerne an diese Zeit.
Viele Freundschaften zerbrachen dann aber manchmal, als der Berufsalltag begann oder wenn die erste Liebe zuschlug. Richtig gute Freundschaften blieben jedoch bestehen.
Jetzt kann man natürlich die damalige Zeit und die heutigen Möglichkeiten nicht miteinander vergleichen. Alles verändert sich so schnell. Noch vor einigen Jahren, wer kann sich erinnern, war StudiVZ sozusagen die erste Plattform der sozialen Medien. Auch ich habe dort natürlich etliche Bilder hochgeladen und mich mit anderen vernetzt. Ich war zwar kein Student, aber das waren viele andere auch nicht. Das war etwa 2005, noch bevor Facebook 2008 in Deutschland so richtig abging. Dass Facebook irgendwann einmal an Attraktivität verlieren würde und durch ein damals noch total langweiliges Instagram ersetzt werden würde, hätte ich nie gedacht.
Heute hat man das Problem, wenn man sich unterhält: Die einen sind ganz vernarrt in eine dieser Plattformen, andere schwören auf TikTok, wieder andere hassen alles dieser Art. Die Wellen gehen jetzt weit auseinander.
Noch vor einigen Jahren hat man im Sommer seine Freunde zum Grillen eingeladen. Die meisten haben sich darauf gefreut, man hat zusammen ein paar Bier gezischt, Musik gehört und Spaß gehabt.
Wenn man heute das Wort Grillen ausspricht, kann es sein, dass man schräg angeschaut wird. Etwa Fleisch auf den Grill legen? Man kann nicht einfach ein paar Zutaten kaufen, einen Nudelsalat und einen frischen Salat machen, ein paar Würstchen und ein paar verschiedene Stücke Fleisch kaufen, eine Kiste Bier hinstellen und für die Damen, falls Bier nicht erwünscht ist, Sekt oder Wein.
Man sollte vorher lieber einmal auf Nummer sicher gehen und abfragen, wer vegetarisch und wer vegan bevorzugt. Welche Lebensmittelunverträglichkeiten und Allergien liegen vor? Darf tatsächlich Kuhmilch bei der Nachspeise verwendet werden oder doch lieber eine der unzähligen Alternativen? Die Regale mit diesen Produkten werden tatsächlich immer größer. Natürlich dürfen ein Aperol Spritz und auch ein Hugo nicht fehlen.
Worüber unterhält man sich heutzutage? Politik? War schon immer gefährlich, bei diesem Thema seine Meinung zu sagen. Sport, Migration, Umweltschutz, Altersarmut, Frauen oder Männer, Partner oder Partnerinnen oder Deine neue Lieblingsserie?
Selbst das kann schwierig werden, denn der eine schaut Netflix, der andere Prime Video, einer Sky, wieder andere Paramount Plus. Die Liste ist endlos.
Oftmals merkt man schon nach einer kurzen Weile, das passt so gar nicht. Wenn jemand bei mir von Lehrer:innen und Spieler:innen betont spricht, kann Er, Sie oder Es das natürlich machen, aber ich bin dann gedanklich schon einmal raus.
Dann kommt es vor, dass Du Dir mit dem einen noch vor Kurzem eine leckere Currywurst mit Pommes reingezogen hast, der heute aber nur noch Beiträge postet, die gegen den Fleischverzehr sind, für eine vegane Ernährung werben, endlos Bilder von Hunden zeigen, die gerettet werden müssen, und ein Böllerverbot fordern. Klar, ein Sinneswandel kommt vor, und natürlich sollte man das nicht kritisieren. Aber ein Gespräch über Restaurants mit dem besten Wiener Schnitzel brauchst Du mit Ihm nicht mehr zu führen.
So wird die Anzahl derer, mit denen Du Deine Freizeit verbringen möchtest, also Deine wertvolle freie Zeit, immer geringer. Umgekehrt kann es den anderen im Umgang mit Dir natürlich genauso gehen.
Und auch wenn Du Deiner Linie meistens treu geblieben bist, muss man sich im Laufe des Lebens auch immer mal wieder etwas verändern. Muss ja nicht gleich vom Fleischliebhaber zum radikalen Veganer sein.
Das Leben ist Veränderung. Man entwickelt sich weiter. Menschen, mit denen Du vielleicht Dein halbes Leben auf einer Wellenlänge geschwommen bist, passen irgendwie nicht mehr wirklich zu Dir, Deinen Ansichten, Deinen Werten, Deinen Interessen.
So kann die Zahl derer, auf die Du Dich freust, bei denen Du einem Treffen schon entgegenfieberst, bei denen Du einfach Du sein kannst, Dich nicht verstellen musst, zu Wort kommst und auf echtes Gegeninteresse stößt, so wie es ja seit vielen Jahren immer war, immer geringer werden.
Das muss man sich nicht antun, ist dann der Gedanke, der sich nach dem zweiten oder dritten Versuch immer mehr festigt.
Es sind stürmische Zeiten mit viel Wellengang, aber immer weniger Tiefgang. Selbstverständlich wird es auch teilweise an einem selbst liegen. Aber solange man das noch erkennt und es zumindest ein paar Menschen gibt, auf die man sich immer wieder freut, solange schwimmt man noch auf dem Wasser.
Erst wenn dieses Wasser Deinen Mund und Deine Nase berührt, ist der Tag gekommen, an dem Du, wenn Du Glück hast, vielleicht nur noch den ganz harten Kern um Dich hast: Familie, einen Partner oder eine Partnerin und vor allem Dich selbst.