Auge in Auge
Man denkt ja immer, man sieht gut. Also wirklich gut. Bis man beim Augenarzt sitzt und plötzlich merkt, dass „gut sehen“ vielleicht doch mehr ist als das, was man jeden Tag so für selbstverständlich hält.
Ich kam also rein, setzte mich ins Wartezimmer und alles wirkte erstmal ganz normal. Leises Rascheln von Zeitschriften, dieses typische Praxislicht, das weder gemütlich noch unangenehm ist. Direkt gegenüber saß eine junge Frau. Ihre Augen waren geschlossen, nicht so wie bei jemandem, der kurz entspannt, sondern eher so, als hätte sie sich komplett aus der Situation ausgeklinkt. Ab und zu öffnete sie sie, blinzelte ein paar Mal, schaute kurz in den Raum und schloss sie dann wieder.
Ich habe sie beobachtet, eher unauffällig, eher nebenbei, wie man das eben so macht. Und ich habe mich gefragt, ob sie einfach müde ist oder ob vielleicht etwas mit ihren Augen nicht stimmt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, dass ich sie wenig später ziemlich gut verstehen würde.
Während ich dort saß und wartete, musste ich plötzlich an früher denken. Immer wenn meine Eltern zum Augenarzt gegangen sind, waren sie beide ein bisschen aufgeregt. Eigentlich völlig unnötig, weil am Ende immer alles in Ordnung war, aber diese leichte Nervosität war trotzdem da. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Situation bei so einem Sehtest, bei dem man Zahlen erkennen musste. Meine Mutter war zuerst dran, machte ihren Test ganz normal und wurde danach schon wieder herausgerufen. Direkt im Anschluss wurde mein Vater aufgerufen, um genau den gleichen Test zu machen. Und als meine Mutter an ihm vorbeiging, beugte sie sich leicht zu ihm rüber und flüsterte ihm schnell möglichst viele Zahlen zu, die sie sich gemerkt hatte. So ganz selbstverständlich, als würde sie ihm einen kleinen Vorteil verschaffen. Was natürlich eigentlich komplett kontraproduktiv war, weil es ja genau darum ging, was er selbst sieht. Ich glaube auch nicht, dass er sich die Zahlen in der richtigen Reihenfolge merken konnte. Am Ende musste er sie wohl doch selbst erkennen. Aber diese Szene ist mir bis heute im Kopf geblieben, weil sie irgendwie so typisch und gleichzeitig so niedlich war.
Vielleicht musste ich genau deshalb in diesem Moment ein bisschen schmunzeln, obwohl ich gleichzeitig auch merkte, dass ich selbst nicht ganz frei von dieser leichten Anspannung war. Man geht ja doch immer mit dem Gedanken rein, dass vielleicht irgendetwas sein könnte. Und genau deshalb ist die Erleichterung am Ende umso größer, wenn alles in Ordnung ist.
Nach einer Weile wurde ich aufgerufen. Es ging los mit den ersten Tests, diese typischen Untersuchungen, bei denen man denkt, das wird schon alles irgendwie klappen. Dann kam der Moment mit dem Augendruck. Man sitzt da, schaut nach vorne und plötzlich kommt dieser kleine Luftstoß ins Auge. Erst links, dann rechts. Ich musste kurz blinzeln und war gleichzeitig fasziniert davon, dass man auf diese Weise tatsächlich etwas messen kann, was im Inneren des Auges passiert. Mein Ergebnis war vollkommen in Ordnung und ich war erleichtert, obwohl ich vorher gar nicht richtig darüber nachgedacht hatte, dass es auch anders hätte sein können.
Danach wurde es etwas anspruchsvoller. Ich bekam eine spezielle 3D Brille aufgesetzt und sollte auf einer Tafel mehrere Symbole erkennen. Jedes Bild bestand aus vier Zeichen, und die Aufgabe war, das eine Symbol zu finden, das sich dreidimensional abhebt. Insgesamt waren es vierzehn dieser Bilder. Ich setzte die Brille auf, konzentrierte mich und sah erstmal gar nichts. Wirklich nichts. Kein Unterschied, keine Tiefe, einfach nur Muster. In meinem Kopf fing sofort dieses leise Zweifeln an, dieses Gefühl, dass man vielleicht doch nicht so gut sieht, wie man immer dachte.
Dann bekam ich noch eine zusätzliche Brille, die vor die 3D Brille gesetzt wurde. Und plötzlich war alles da. Klar, deutlich, fast schon überraschend einfach. Ich konnte das jeweilige Symbol sofort erkennen und arbeitete mich Bild für Bild durch alle vierzehn Aufgaben. Fast ohne Probleme. Ein kleiner Moment der Erleichterung und irgendwie auch ein bisschen Stolz, als hätte ich gerade heimlich einen Test bestanden.
Dann kamen die Tropfen. Ich wusste vorher, dass sie meine Pupillen erweitern würden, damit die Netzhaut untersucht werden kann. Mir wurde auch gesagt, dass ich danach nicht selbst Auto fahren sollte. In dem Moment klang das alles noch ziemlich harmlos. Ich setzte mich wieder ins Wartezimmer, schaute aus dem Fenster in das helle Sonnenlicht und merkte nach kurzer Zeit, dass sich etwas veränderte. Erst ganz leicht, fast unmerklich, dann immer deutlicher. Die Konturen wurden weicher, die Schärfe ließ nach, als würde jemand langsam den Fokus herausdrehen.
Ich nahm mein Handy in die Hand, wollte eine Nachricht lesen und stellte fest, dass ich die Schrift kaum noch erkennen konnte. Je länger ich dort saß, desto verschwommener wurde alles. Es war ein seltsames Gefühl, schwer zu beschreiben, fast so, als würde man ein Stück Kontrolle verlieren. Nicht dramatisch, aber unangenehm. Irgendwie hatte ich das Gefühl, als würde mein Körper kurz nicht ganz mitkommen, als würde etwas nicht richtig zusammenpassen. Für einen Moment fühlte es sich fast so an, als würde mir ein kleines bisschen die Orientierung fehlen.
Und dann musste ich wieder an die junge Frau denken. Natürlich. Sie hatte die Tropfen schon vorher bekommen. Deshalb die geschlossenen Augen, deshalb dieses Zurückziehen aus dem Raum. In dem Moment ergab alles Sinn. Ohne groß darüber nachzudenken, schloss ich ebenfalls meine Augen. Es war einfach angenehmer so.
Als ich dann aufgerufen wurde, war ich ehrlich gesagt ganz froh, mich auf etwas Konkretes konzentrieren zu können. Ein bisschen Smalltalk, eine ruhige Atmosphäre, nichts Hektisches. Ich sollte mit meiner eigenen Brille Buchstaben und Zahlen von einer Tafel ablesen. Das funktionierte erstaunlich gut, trotz der Tropfen. Ich merkte, dass ich mich irgendwie durch diese leichte Unschärfe hindurch konzentrieren konnte.
Dann kam das Ergebnis. Hundert Prozent Sehkraft. Ich musste schmunzeln und sagte, dass das ja wie bei einem jungen Mann sei, besser gehe es doch gar nicht. Der Arzt lächelte und meinte ganz ruhig, dass es durchaus mehr als hundert Prozent geben könne, einhundertfünfundzwanzig oder sogar noch mehr. Das hat mich wirklich überrascht. Ich hatte immer gedacht, hundert Prozent seien das absolute Maximum, so eine Art natürliche Grenze. Aber offenbar geht da noch mehr.
Die Untersuchung war schnell vorbei und das Fazit war durchweg positiv. Alles in Ordnung, alles gesund. Der Arzt wirkte zufrieden und sagte in etwa, dass er sich freue, Gesundheit verteilen zu können. Dieser Satz blieb irgendwie hängen, weil er so einfach war und gleichzeitig so viel aussagt.
Auf dem Weg nach draußen, mit immer noch leicht verschwommenem Blick, habe ich darüber nachgedacht, wie selbstverständlich wir unsere Augen eigentlich behandeln. Wir gehen regelmäßig zum Zahnarzt, lassen uns beim Hausarzt durchchecken, achten auf verschiedene Dinge, die mit unserer Gesundheit zu tun haben. Aber der Augenarzt wird oft vergessen. Dabei merken viele Menschen gar nicht, dass sich ihre Sehkraft langsam verändert. Es passiert schleichend, fast unbemerkt, und irgendwann denkt man, das sei einfach normal.
Dabei sind unsere Augen etwas ziemlich Beeindruckendes. Wir können mit ihnen Entfernungen wahrnehmen, die eigentlich kaum vorstellbar sind. Der Mond ist rund dreihundertvierundachtzigtausend Kilometer entfernt und trotzdem sehen wir ihn klar am Himmel stehen. Natürlich erkennen wir keine Details wie mit einem Teleskop, aber allein die Tatsache, dass wir ihn überhaupt wahrnehmen, ist schon erstaunlich.
Unsere Augen passen sich in Sekunden an unterschiedliche Lichtverhältnisse an, sie unterscheiden unzählige Farben und Nuancen, sie ermöglichen uns, gleichzeitig in die Ferne zu schauen und im nächsten Moment kleine Schrift direkt vor uns zu lesen. Sie liefern unserem Gehirn ununterbrochen Informationen, ohne Pause, ohne dass wir aktiv darüber nachdenken müssen. Alles wirkt so selbstverständlich, bis man einmal erlebt, wie es sich anfühlt, wenn diese Selbstverständlichkeit kurz ins Wanken gerät.
Am Ende blieb bei mir vor allem ein Gefühl hängen: Dankbarkeit. Dafür, dass alles funktioniert. Dafür, dass nichts Auffälliges gefunden wurde. Man merkt in solchen Momenten wieder, dass Gesundheit nichts ist, was man einfach voraussetzen sollte. Es gibt kaum etwas Wertvolleres.
Dieser Termin war eigentlich nur als Routine gedacht. Ein kurzer Check, ein paar Tests, ein schnelles Ergebnis. Am Ende war es aber mehr als das. Es war ein kleiner Perspektivwechsel, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe gemerkt, wie empfindlich dieses System ist und wie schnell sich unsere Wahrnehmung verändern kann. Und ich habe verstanden, warum die junge Frau im Wartezimmer ihre Augen geschlossen hatte.
Man sollte solche Untersuchungen nicht aufschieben. Nicht erst dann gehen, wenn etwas nicht mehr funktioniert, sondern solange noch alles klar ist. Denn genau dann hat man die Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass es auch so bleibt.
Man sieht die Dinge danach ein kleines bisschen bewusster. Und vielleicht ist genau das das Beste, was man aus so einem Termin mitnehmen kann.