Das 17. Bundesland
1993 konnte man in der Bild-Zeitung eine überaus interessante, aber auch total verrückte Überschrift lesen. Ein CSU-Abgeordneter soll angeblich vorgeschlagen haben, dass Mallorca für 50 Milliarden an Deutschland verkauft werden sollte und damit zum 17. Bundesland gemacht würde.
Ugg, ich kann mich tatsächlich noch etwas daran erinnern. Spätestens als man aber die Aussage gelesen hatte, dass Palma dann in „Palmenhausen“ umbenannt werden sollte, ahnte man, dass mal wieder ein Sommerloch gestopft werden müsse und rein gar nichts daran echt war.
32 Jahre später finde ich es eigentlich schade, dass es sich damals um einen Scherz gehandelt hat.
Meine erste Flugreise nach Palma
Aber was finden besonders wir Deutschen so besonders an dieser etwa 3.600 Quadratkilometer großen Fläche? Meine erste Flugreise, ich erinnere mich noch sehr genau, ging nach Palma. Ich kann gar nicht genau sagen, wie alt ich damals war, vielleicht 18. Zusammen mit zwei Arbeitskollegen, die zu meinem Freundeskreis gehörten, verbrachte ich, ich glaube, eine Woche auf der Insel. Einer von uns Dreien wollte so wenig Geld wie möglich ausgeben, und das haben wir dann auch.
Das Hotel hätte kaum schlimmer sein können. Schmuddeliges Hochhaus, einfachste Zimmerkategorie, rückblickend betrachtet dürfte es nicht viel mehr als ein oder zwei Sterne gehabt haben. Die Betten waren eher durchgelegene Matratzen auf Metalllattenrosten. Ganz genau kann ich mich nicht mehr erinnern, es war auf jeden Fall billig.
Ameisen und Rasierschaum
Da vom Balkon eine ganze Kompanie Ameisen den ganzen Tag in unser Dreibettzimmer marschierte, beschwerten wir uns am Tresen. Ich weiß es noch wie heute. Der, sorry, schmierige Angestellte, sagte dann so etwas wie: „Las hormigas están incluidas en el precio.“ Da ich leider weder damals noch heute Spanisch konnte und kann, fragten wir mehrfach nach, was das bedeutet. Passend zu den schlechten Zimmern sagte er im gebrochenen Deutsch etwa: „Ameisen hören zu Preis dazu.“
Passend zu den Zimmern und zum gesamten Urlaub hatten wir auch billigen Rasierschaum dabei. Ich habe den Geruch noch heute in der Nase, wenn ich daran denke. Wir machten einfach einen Wall aus Rasierschaum, und beim Versuch, weiterhin in unser Zimmer zu maschieren, verschwanden sie in dem weißen Schaum. Ich bitte alle Tierschützer an dieser Stelle um Verzeihung, wir waren noch jung und uns unserer Fehler nicht bewusst.
Kulinarische Irrtümer und Partyabende
Erst kürzlich erzählte ich wieder einmal meiner Frau von diesem besonderen Abenteuer und erwähnte, dass wir uns unter anderem von halben Hähnchen ernährt hatten, in denen Tannennadeln steckten. „Das waren keine Tannennadeln“, erklärte meine Frau, „das war Rosmarin.“ Natürlich kenne ich Rosmarin und liebe ihn, aber all die Jahre war mir das nicht bewusst. Ich musste herzlich lachen.
Wie auch immer. Was machten drei junge Männer in dieser Zeit auf Mallorca? Trinken bis es nicht mehr ging. Jeden Abend in einer Disco, den Alkohol pur getrunken und danach mit Cola direkt im Mund gemischt. Mein Gott, was ging es mir jeden Morgen schlecht. Ich war den anderen beiden überhaupt nicht gewachsen. Sie saßen schon am frühen Abend wieder auf dem Balkon und kippten nach, während sie die Ameisenkolonie wieder im Rasierschaum verschwinden sahen. Ich lag erschöpft auf dem Bett, also auf der durchgelegenen Matratze. Der Urlaub endete irgendwann im Streit und ich war froh, als wir wieder nach Hause flogen.
Mallorca heute
Auch heute steht Mallorca noch immer ungerechterweise für Ballermann, Saufen und Party. Aber ist das der Grund, die Insel zu besuchen? Ganz sicher nicht. Schätzungen zufolge leben mehr als 60.000 Deutsche auf der Insel. 22.000 deutsche Rentner leben in Spanien, viele davon auf Mallorca. 2024 besuchten rund 13,4 Millionen Menschen Mallorca, 4,4 Millionen davon waren Deutsche.
Aber was genau macht diesen Ort so beliebt? Es ist die Kombination aus angenehmem Klima, Nähe zur Heimat, der Möglichkeit, vielerorts Deutsch zu sprechen, und der Tatsache, dass man in unter drei Stunden Flugzeit schon da ist. Die Infrastruktur ist ebenfalls sehr gut. Eigentlich perfekt für uns.
Mittlerweile war ich, glaube ich, gerade das siebte Mal dort. Und es wird sicherlich nicht das letzte Mal gewesen sein. Dieses Jahr waren wir bereits vor neun Uhr morgens dort. Wie cool ist das denn? Man kommt an, zieht die dicken Klamotten aus, setzt sich in seinen Leihwagen, der ganz in der Nähe des Flughafens steht, und kann sofort abschalten und genießen.
Faszinierende Landschaften und Ruhe
Es gibt so schöne Flecken, so fantastische Landschaften, und es ist herrlich abwechslungsreich. Man ist immer in der Nähe des Wassers, es gibt unzählige Wandermöglichkeiten, und Deutsch oder zumindest Englisch spricht eigentlich fast jeder. Es ist ein bisschen wie zu Hause, nur nicht so hektisch, irgendwie entschleunigter, friedlicher und einfach schön. Wir hatten nie ein Gefühl der Unsicherheit, auch nachts nicht. Direkt in Palma war es an vielen Ecken eher unschön, aber etwas davon entfernt einfach perfekt.
Auch die Bewohner sind durch die Bank äußerst freundlich und aufgeschlossen. Auch wenn der Tourismus etwas überhandgenommen hat, haben wir uns überall willkommen gefühlt.
Ein Traum von der eigenen Finca
Noch vor Corona, als wir jedes Jahr zweimal in die USA flogen, habe ich mir immer gewünscht, einmal als Rentner eine Zeit im Jahr dort zu verbringen, am liebsten in Florida. Bei dem Gedanken stresst mich mittlerweile der lange Flug.
Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass der Traum von einer Finca auf Mallorca der von vielen Menschen ist. Ich sehe uns schon eines Tages den kompletten November dort an unserem eigenen Pool sitzen. Orangenbäume säumen unser Grundstück, und absolute Ruhe ist eingekehrt. Dazu fehlen nur noch die sechs richtigen Zahlen. Ein kleiner Gewinnanteil an El Gordo, der spanischen Weihnachtslotterie mit einer Gesamtausschüttung von etwa 2,7 Milliarden Euro, würde aber auch schon reichen.
Das 17. Bundesland muss es gar nicht unbedingt werden. Es würde schon reichen, wenn es für einen Teil der schlechten Jahreszeit bei uns zu unserer Heimat werden würde. Man soll ja nie nie sagen.