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Die hohe Kunst der Langsamkeit

Wahrscheinlich geht es den meisten Menschen ähnlich wie mir. Man hat das Gefühl, die 24 Stunden, die uns täglich zur Verfügung stehen, sollten komplett bestmöglich ausgenutzt werden, damit man alle Vorhaben, die einem im Kopf herumschwirren, erledigen kann.

Wenn Du auch zu den fleißigen Menschen gehörst, die den Laden in unserem Land am Laufen halten, dann hast Du sicherlich generell viel um die Ohren. Man steht meistens früh morgens auf und bevor die Augen und der Körper überhaupt richtig wach sind, ist man schon in Gange. Hier noch mal schnell das Wohnzimmer aufgeräumt, der Geschirrspüler bestückt und im Vorbeigehen eingeschaltet, die Sporttasche gepackt und während man die Zähne putzt vielleicht noch ein paar Stretchübungen gemacht. Dann noch schnell das Gesicht restauriert und schon geht es weiter.

Arbeitstechnisch ist man dann irgendwie immer in einer Art Tunnel. Man läuft ständig irgendetwas hinterher und macht mehrere Dinge gleichzeitig.

Während man telefoniert, liest man nebenbei E-Mails. Man schaut nach dem nächsten Termin, bereitet sich auf das bevorstehende Teams-Meeting vor und checkt zwischendurch sein Smartphone, ob man irgendetwas Wichtiges verpasst hat.

In der Mittagspause inhaliert man geradezu sein Essen, schaut schon wieder aufs Handy, trinkt schnell das Glas leer und weiter geht es.

Wenn man möglichst viel abgearbeitet hat, macht man sich noch schnell ein paar Notizen vor Feierabend, damit man bloß nichts am nächsten Tag vergisst.

Zu Hause angekommen geht es vielleicht noch zum Sport, vielleicht ins Fitnessstudio. Auch dort möchte man am liebsten schon während man auf den Parkplatz rollt in seine Sportklamotten schlüpfen. Sind alle Bänke belegt und man muss warten, rechnet man in Gedanken bereits aus, wie viel Zeit verloren geht.

Auf geht es zum Cardio und während man auf dem Laufband rennt wie ein Hamster im Rad, schaut man sich die Nachrichten auf einem der Bildschirme an. Nicht, dass man etwas Wichtiges verpasst.

Kleiner Klönschnack hier und dort, bevor der Magen sich meldet und gefüttert werden möchte. Alle Übungen für möglichst viele Körperteile durchgeführt, überlegt man auf dem Weg zur Dusche, ob noch ein Saunagang drin ist. Aufgrund des Hungergefühls entscheidet man sich dann aber doch dagegen.

Auf dem Weg nach Hause überlegt man, welche Strecke um diese Uhrzeit die kürzeste ist, um noch ein paar Einkäufe zu erledigen. Schnell rechts ranfahren und ab in den Supermarkt. Auf diese Idee sind allerdings auch viele andere Menschen gekommen und selbst die Scannerkassen sind komplett voll.

Endlich zu Hause angekommen wird das Abendessen vorbereitet und nebenbei werden bereits die Klamotten für den nächsten Tag bereitgelegt. Ein kurzer Blick auf den Kalender, ob am nächsten Tag irgendetwas ansteht.

Das Abendessen wird aus Zeitgründen im Wohnzimmer verspeist. Schließlich wartet zuerst die Tagesschau, die man gerne live sehen möchte und danach will man unbedingt noch mindestens eine Folge seiner neuen Lieblingsserie schauen.

Spätestens wenn die zweite Folge anfängt, fallen einem, sobald man es sich auch nur einen Hauch bequem auf dem Sofa gemacht hat, die Augen zu. Es ist wie bei diesen Puppen, die sofort ihre Augen schließen, sobald man sie nach hinten kippt. So geht es mir jedenfalls meistens. Beine hochgelegt, Rücken an die Lehne des Sofas geschmiegt und schon zieht wieder jemand an den Augenlidern.

Ein kurzer Schnarcher und man hat sich gerade selbst geweckt. Natürlich ist man nicht der Einzige, der bereits die Schäfchen zählt. Auch die werte Gemahlin befindet sich schon im Schlummerland.

Bei dem Gedanken, was am nächsten Tag alles anliegt, ist man für einen kurzen Moment wieder wach. Aber dieser Moment hält nicht lange an und wenig später liegt man tief im Reich der Träume. Wenn man dann Pech hat, machen einem selbst die Träume noch Stress.

Als unsere Yogalehrerin am Wochenende beiläufig sagte, dass es während der Stunde keinen Wettbewerb gibt, kein Leistungsdruck herrscht und kein Vergleich mit den anderen Yogis stattfinden muss, blieb mir ein Satz besonders im Kopf hängen. Man darf bewusst langsam sein.

Man darf also bewusst langsam sein. Wie bitte geht das, dachte ich kurz. Hat man langsam sein vielleicht verlernt? In einer Zeit, in der Langsamkeit oft ungern gesehen und akzeptiert wird. In einer Zeit, in der alles immer schneller werden muss und über Menschen, die tatsächlich langsam sind, häufig abfällig gesprochen wird.

Mein Gott, ist die Kassiererin lahm. Kann der nicht schneller vor mir fahren? Wo bleibt mein Koffer, geht das noch langsamer am Gepäckband? Drei Brötchen in eine Tüte zu stecken kann doch nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen. Eine Stunde im Wartezimmer beim Arzt, was machen die denn da, ich habe doch einen Termin.

Das ist unser Alltag. Haben wir uns das selbst so ausgesucht? Ein Stück weit wahrscheinlich schon. Müssen wir uns aber an dieser permanenten Schnelligkeit anstecken wie an einem Virus? Warum haben wir es immer so eilig und machen kaum noch etwas bewusst langsam?

Je schneller wir uns durch die Zeit schieben, desto schneller scheint sie auch abzulaufen. Wenn wir in eine Sanduhr extra große Löcher bohren, dann läuft sie schließlich auch schneller leer. Auf der einen Seite wollen wir alles genießen, auf der anderen Seite packen wir unsere Tage so voll, dass wir sie mit Langsamkeit gefühlt gar nicht schaffen würden.

Haben wir es tatsächlich verlernt, innezuhalten, den Moment zu genießen und einfach mal im Hier und Jetzt zu verweilen? Nicht nur im Urlaub, nicht nur beim Yoga, sondern auch mitten im Alltag.

Die Schildkröte kommt schließlich auch ans Ziel. Sie trägt ihr Haus sogar immer direkt bei sich. Und wenn sie eine Stunde an ihrem Blatt knabbert, na und?

Langsamkeit ist ein hohes Gut, das wir viel öfter in unseren Alltag integrieren sollten. Natürlich werden wir nicht länger auf diesem Planeten verweilen dürfen, nur weil wir plötzlich alles in Zeitlupe machen. Aber wie heißt es so schön, der Weg ist das Ziel. Vielleicht sollten wir diesen Weg wieder etwas bewusster genießen, anstatt immer nur möglichst schnell vom Start zum Ziel zu wollen.

Langsamkeit ist in unserer schnellen Welt ein echtes Geschenk. Nicht in jeder Situation, aber in vielen kleinen Momenten, die wir oft gar nicht mehr wahrnehmen.

Habt öfter mal Mut zur Langsamkeit. Euer Geist, Euer Körper und Eure Seele werden es Euch danken.