Dreifaches Glück
Wenn ich jetzt sagen würde, ich bin spielsüchtig, wäre das zum Glück weit übertrieben, denn das bin ich wirklich nicht.
Aber ich muss zugeben, dass das eine oder andere Glücksspiel monatlich fest auf meiner Agenda steht. Es sind keine riesigen Beträge, aber wenn mir das Glück einmal in einem etwas größeren Stil hold sein würde, könnte ich mich ab dann wahrscheinlich Privatier nennen.
Ob das jemals eintreten wird, ist natürlich sehr unwahrscheinlich. Aber der übliche Gedanke, einer gewinnt fast immer und warum sollte ich nicht dieser eine sein, spukt immer wieder im Kopf herum. Allerdings denken das beim Lotto zum Beispiel vermutlich auch die etwa 160 Millionen anderen Teilnehmer.
Wobei meine Glücksspiele fast alle einen guten Zweck unterstützen. Man muss es sich also einfach immer wieder schönreden.
Als meine Frau kürzlich über Social Media an einem Gewinnspiel teilnahm, schickte sie mir einen Link, damit ich ebenfalls mein Glück versuche. Es ging um zwei Karten für eine Veranstaltung, ein großes Konzert zur Wiedereröffnung des traditionellen Kieler Schlosses. Ein Ort, an dem wir seit Jahrzehnten wunderschöne Erinnerungen gesammelt hatten und der die letzten vier Jahre wegen umfangreicher Sanierungsmaßnahmen geschlossen war.
Meine Frau war sofort begeistert. Allein die Vorstellung, wieder gemeinsam dort zu sitzen, Erinnerungen aufleben zu lassen und gleichzeitig etwas Neues zu entdecken, ließ sie nicht mehr los. Ganz nach meinem Motto sanieren statt abreißen, wo immer es geht. Natürlich mussten zahlreiche Auflagen des Denkmalschutzes beachtet werden, und wir waren beide gespannt, wie sehr sich das Schloss wohl verändert hatte. Ein Gewinn wäre also mehr als willkommen.
Ich hatte ihren Link allerdings nie wirklich gesehen. Man bekommt einfach zu viele Nachrichten, als dass man tatsächlich alle lesen könnte.
Als ich dann eine WhatsApp-Nachricht mit einem Screenshot von meiner Frau erhielt, in der stand, dass sie zwei Karten für diese Veranstaltung gewonnen hatte, war ich total begeistert. Ich hatte es gar nicht auf dem Zettel, sie dafür umso mehr.
Wir freuten uns beide sehr auf das Konzert, das schließlich alle unsere kühnsten Vorstellungen weit übertraf. Noch zwei Tage zuvor herrschte vor und in dem Veranstaltungsgebäude leichtes Chaos. Offene Erde direkt davor, überall aus Wänden herausragende Kabel. Niemals hätte ich auch nur einen Cent darauf gesetzt, dass alles rechtzeitig fertig werden würde.
Wie so oft wurde ich eines Besseren belehrt. Die Besucher hatten sich herausgeputzt, alles erschien in neuem Glanz. Moderne und Tradition waren harmonisch miteinander verbunden, wir waren restlos begeistert. Und das Konzert selbst war der absolute Hammer. Etwa 150 Musiker im Chor, was nicht nur beeindruckend aussah, sondern sich auch genauso anhörte. Dazu ein gigantisches Orchester, nicht gezählt, aber ebenfalls dreistellig von der Anzahl. Der gewaltige Sound trug uns förmlich nach Hause, beschwingt und immer noch voller Freude über diesen tollen Gewinn.
Ein paar Tage später schrieb mir meine Frau, dass sie erneut an einem Gewinnspiel desselben Veranstalters teilgenommen hatte und schickte mir wieder einen Link, damit ich ebenfalls mitmache. Sie hatte sichtlich Spaß daran bekommen und ich ließ mich gerne anstecken.
Zur Auswahl standen eine Mozart-Reise mit dem vielgerühmten Hornisten und Bernstein-Preisträger Felix Klieser zusammen mit dem Zemlinsky Quartett sowie eine Konzertlesung mit der Schauspielerin Claudia Michelsen und dem Musiker Stefan Weinzierl zu Endes Jugendroman „Momo“.
Ich überlegte kurz und entschied mich, bei der Verlosung für das Mozart-Konzert mein Glück zu versuchen. Wofür meine Frau sich entschieden hatte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Am Donnerstag rief sie mich nach der Arbeit an und lachte bereits am Telefon. Ich hatte sofort ein großes Fragezeichen im Gesicht. Kurz darauf schickte sie mir einen Screenshot. Ich staunte nicht schlecht, als mich die Gewinnbenachrichtigung zur Momo-Lesung anlachte. „Unfassbar“, sagte ich ungläubig. Auf meine Frage, wann dieses Event denn stattfinde, bekam ich zur Antwort, Samstag.
Das war natürlich sehr spontan. Gerade als wir uns verabschieden wollten, fiel mir ein, dass ich ja selbst auch mitgespielt hatte, und ich schaute nach einer Nachricht. Was soll ich sagen, auch ich hatte eine Gewinnbenachrichtigung erhalten, für das Mozart-Konzert. Wir konnten es beide kaum glauben und mussten herzlich lachen. Dieses fand bereits am nächsten Tag statt, noch spontaner geht es nun wirklich nicht.
Der Freitag war schnell gekommen. Wieder etwas aufgebrezelt nahmen wir unsere Plätze in der zweiten Reihe ein. Der Höhepunkt des Konzerts war der Moment, als der Hornbläser Felix Klieser die Bühne betrat. Er wurde ohne Arme geboren und ich fragte mich ernsthaft, wie es möglich sein sollte, ein Horn mit dem Fuß zu spielen. Doch so selbstverständlich, wie wir unsere Hände einsetzen, schlüpfte er aus seinen Schuhen, winkelte ein Bein an, legte seine Zehen an die Ventile des Horns, seinen Mund an das Mundstück, und schon erfüllte wunderschöne Musik den Raum.
Es war zutiefst beeindruckend. Mir gingen sofort unzählige Situationen durch den Kopf, in denen ich rätselte, wie man sie ohne Arme und Hände meistern könnte. Bei vielen fehlte mir schlicht die Fantasie.
Kaum waren wir wieder zu Hause, stand schon das nächste Event an. Ehrlich gesagt hatte ich die Schauspielerin aus der Serie Ku’damm 56 bis 77, Claudia Michelsen, die dort die Mutter Caterina Schöllack spielt, zunächst gar nicht erkannt.
Sie wirkte bescheiden und eher unauffällig, als sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Stefan Weinzierl die Bühne betrat. Er untermalte die Lesung mit einer Mischung aus Geräuschen und Musik. Es war eine überaus gelungene und spannende Darbietung. Die Geschichte um die gestohlene Zeit hatte ich so gar nicht mehr in Erinnerung. Unglaublich, wie lebendig und leidenschaftlich sie erzählt wurde.
An beiden Abenden gab es vom begeisterten Publikum Standing Ovations.
Innerhalb weniger Tage hatte das Glück also gleich dreimal bei uns vorbeigeschaut. Als ich die Veranstaltungen noch einmal vor meinem geistigen Auge Revue passieren ließ, wurde mir klar, dass wir eigentlich nicht nur dreimal Glück hatten. Denn bereits mit unserer Geburt, mit einem gesunden Körper, wurde uns das größte Glück auf Erden schon mitgegeben.