Ein Prozent
Es war noch früh am Morgen. 6:45 Uhr. Ich saß wieder auf meinem Fahrrad und fuhr durch Caracas.
Die Luft war noch etwas kühler als später am Tag und für einen Moment konnte man fast vergessen, wie warm es hier wenige Stunden später werden würde. Vor mir lag eine Landschaft, die mich jedes Mal aufs Neue beeindruckte.
Caracas liegt zwischen Bergen und überall wuchert die Natur. Die Hänge sind dicht bewachsen, das Grün wirkt satt und kräftig, als würde hier alles wachsen wollen, egal was passiert. Palmen ragen zwischen Häusern hervor, Büsche und Bäume überziehen ganze Hügel. Wenn die Sonne langsam über die Berge steigt, legt sie ein warmes Licht über diese üppige Vegetation. Alles wirkt lebendig. Wild. Kraftvoll.
Ich trat in die Pedale und spürte langsam, wie mein Shirt warm wurde und sich etwas schwitzig anfühlte. Fünf Kilometer wollte ich noch fahren.
Die Straßen waren einfach. Sehr einfach. Immer wieder musste ich Löchern im Asphalt ausweichen. Doch das war noch eines der kleineren Probleme. An mehreren Stellen stand Wasser auf der Straße. Eine braune Suppe, durch die ich mir meinen Weg suchen musste.
Mir kamen LKWs entgegen. Auf den Ladeflächen saßen Menschen. Manchmal Arbeiter, ich vermutete Bauarbeiter. Dann wieder eine ganze Gruppe Kinder. Sie alle hatten etwas gemeinsam. Sie schauten mich an, als wäre ich ein Außerirdischer.
Vielleicht war ich das für sie auch. Ein Mann auf einem Fahrrad, mitten am Morgen, der einfach nur vorbeifuhr.
Diese Strecke zeigte mir jedes Mal die Gegensätze dieses Landes.
Auf der einen Seite diese unglaubliche Natur. Diese üppige, kraftvolle Vegetation, die alles umarmt.
Und dann wieder einfache Häuser. Hütten. Gebäude, in denen bei uns ganz sicher niemand wohnen wollen würde. Kaum Fenster. Und wenn doch, dann waren sie zugezogen. Kein Wunder bei diesen Temperaturen. Auch ich schwitzte längst auf meiner Tour.
Ich fuhr diese Strecke mehrmals in der Woche. Inzwischen kannte ich fast jeden Winkel. Ich wusste genau, welches Haus als nächstes kam. Wo der Asphalt besonders schlecht war. Wo die Straße leicht abfiel.
Ich grüßte Menschen, die mir immer wieder an denselben Stellen begegneten. Ich wusste längst, dass sie mich nicht zurück grüßen würden. Ich nickte ihnen trotzdem zu und schmunzelte dabei.
Nach einer Weile wusste ich, was gleich kommen würde.
Erst eine Reihe einfacher Häuser. Manche bewohnt, manche leer, manche halb verfallen. Kaputte Autos standen herum, Müll lag an den Straßenrändern, dazwischen leere Grundstücke.
Und dann begann sie plötzlich.
Eine lange Steinmauer.
Gemauert aus schönen Ziegelsteinen in einem kräftigen Azurblau. Sauber gesetzt. Gerade Linien. Keine Dellen. Kein bröckelnder Putz. Keine Löcher.
Diese Mauer wurde auf meiner Vorbeifahrt immer höher. Hoch genug, dass man nicht einfach hinüberklettern könnte. Selbst wenn man wollte. Selbst wenn der Hunger noch so groß wäre.
Erst nach einigen Metern konnte man das Haus sehen.
Oder besser gesagt die Villa.
Weiß und Azurblau. Groß. Herrschaftlich. Beeindruckend.
Ich wurde automatisch etwas langsamer, um sie mir anzuschauen. Viel sehen konnte ich nicht. Nur aus dem Augenwinkel. Aber das reichte. Es war offensichtlich, dass hier jemand lebte, der ein ganz anderes Leben führte als die meisten Menschen um dieses Grundstück herum.
Kameras konnte ich keine sehen, aber ich war mir fast sicher, dass es sie gab.
Kurz darauf verschwand die Villa wieder hinter mir.
Und die Gegend wurde wieder ärmer.
Kaputte Autos. Müll. Halb fertige Häuser. Halb verfallene Häuser. Menschen mit Tüten in den Händen. Frauen, Männer, Kinder.
Einige von ihnen lachten.
Einige strahlten.
Sie wirkten glücklich mit dem, was sie hatten. Vielleicht, weil sie es nicht anders kannten. Vielleicht auch, weil Glück manchmal weniger mit Besitz zu tun hat, als wir glauben.
Eine Villa und drum herum Armut, dachte ich an diesem Morgen wieder einmal.
Als ich zu meiner Frau hinüberschaute, die bereits einige hundert Meter vor mir fuhr, was natürlich ausschließlich daran lag, dass sie etwas früher losgefahren war und ganz sicher nichts damit zu tun hatte, dass sie sportlicher oder schneller wäre, sah ich, wie sie gerade am Eiffelturm vorbeifuhr.
Was für ein Bauwerk.
Ich war jedes Mal wieder beeindruckt, wenn ich es sah.
Vieles von dem, was danach kam, war allerdings weniger beeindruckend. Viele Häuser in Paris könnten genauso gut irgendwo anders stehen. Menschen in schicker Kleidung auf dem Weg zur Arbeit. Teure Autos. Teure Geschäfte.
Und wenn man genau hinsah, saß auch hier manchmal ein Mensch auf dem Bürgersteig, der dort saß, weil er wahrscheinlich kein Zuhause hatte.
Genau wie in Caracas, dachte ich.
Ich schaute mich bei mir noch einmal um. Die Landschaft war immer noch satt grün und ehrlich gesagt wäre ich gerne noch eine Weile weiter gefahren. Aber die Zeit drängte, wie so oft.
Ich warf einen Blick auf meinen Bildschirm. Strecke. Zeit. Herzfrequenz.
Dann stoppte ich meine Fahrradtour durch Caracas.
Meine Frau stoppte gleichzeitig ihre Fahrt durch Paris.
Wir griffen beide nach unseren Wasserflaschen und tranken einen großen Schluck von dem frisch aus dem Automaten gezapften Wasser. Auch das ist für viele Menschen auf dieser Welt nicht selbstverständlich.
Dann stiegen wir von unseren Fahrrädern, desinfizierten alles und gingen zu unseren E-Gym Geräten im Fitnessstudio.
Während ich meine Rückenübungen machte, ging mir diese virtuelle Reise noch eine ganze Weile durch den Kopf.
Caracas.
Paris.
Armut.
Reichtum.
Kontraste.
Und dann musste ich an eine Zahl denken, die ich einmal gelesen hatte.
Etwa ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt so viel Vermögen wie die restlichen 99 Prozent zusammen.
Ein Prozent.
Doch diese Zahl wirkt zunächst abstrakt. Man liest sie und geht weiter.
Bis man versucht, sie sich wirklich vorzustellen.
Stellen wir uns vor, der gesamte Reichtum der Welt würde in Geldscheinen vor uns liegen. Nicht in Milliarden auf Bildschirmen, sondern sichtbar, stapelbar, greifbar.
Der Teil dieses einen Prozents würde einen Berg bilden, so groß, dass er ganze Städte überragen würde. Wolkenkratzer aus Geld, kilometerweit.
Und der Rest der Menschheit würde sich den verbleibenden Teil teilen müssen. Milliarden Menschen, die zusammen weniger besitzen als diese kleine Gruppe.
Während ich auf meinem Rad an der Villa vorbeifuhr, während ich die einfachen Häuser sah, die kaputten Autos, den Müll und die Menschen mit ihren Einkaufstüten, bekam diese Zahl plötzlich ein Gesicht.
Ein Prozent.
Ich fragte mich an diesem Morgen, was dieses eine Prozent alles bewirken könnte, wenn es das wirklich wollte.
Wie viele Schulen könnte man bauen.
Wie viele Krankenhäuser.
Wie viele Menschen könnten Zugang zu sauberem Wasser bekommen, zu Bildung, zu einer echten Chance, müssten nicht mehr hungern und dadurch sterben?
Vielleicht würde schon ein kleiner Teil dieses Reichtums reichen, um Millionen Leben zu verändern.
Ein Prozent.
Dieser Gedanke ließ mich an diesem Tag nicht mehr los.