Ein schöner Tag

Vor einiger Zeit schrieb ich, ohne groß darüber nachzudenken, eine WhatsApp Nachricht.

„Ich wünsche Dir einen schönen Tag!“

Es dauerte nicht lange, bis die Antwort kam.

„Witzig. Du weißt schon, dass ich heute arbeiten muss?“

Im ersten Moment musste ich schmunzeln. Doch später ließ mich dieser Gedanke nicht mehr los.

Kann ein Arbeitstag also kein schöner Tag sein?

Liegt es daran, dass einem die eigene Arbeit keinen Spaß macht? Das konnte in diesem Fall eigentlich nicht sein, denn die Person, der ich geschrieben hatte, geht gerne zur Arbeit. Warum also diese Antwort? Und wie würde ich selbst darüber denken?

Wichtig ist doch zunächst einmal, dass man gerne oder zumindest ohne Bauchschmerzen zur Arbeit geht. Natürlich war früher auch nicht alles besser. Trotzdem hatte vieles eine andere Leichtigkeit. Ich erinnere mich noch daran, wie mein Vater nach Feierabend mit seinen Kollegen zusammensaß, ein Feierabendbier trank und viel gelacht wurde. Dabei war seine Arbeit bestimmt nicht weniger anstrengend als unsere heute.

Die Arbeitswelt hat sich verändert. Alles scheint schneller zu werden. Aufgaben werden umfangreicher, die Kommunikation intensiver und die Erwartungen steigen ständig. Früher brachte man einen Brief zur Post und wartete geduldig auf eine Antwort. Heute erhält ein Kunde eine E Mail und fragt manchmal schon nach einer Stunde, wann denn endlich das Angebot kommt.

Dabei ertappe ich mich selbst immer wieder. Bestelle ich heute etwas bei Amazon, bin ich enttäuscht, wenn es nicht schon am nächsten Tag geliefert wird. Auch ich bin längst Teil dieser Entwicklung geworden.

Auf der einen Seite genießen wir heute viele Freiheiten. Auf der anderen Seite bezahlen viele Menschen dafür mit einem höheren Leistungsdruck. Befristete Arbeitsverträge sind längst keine Seltenheit mehr. Ständige Erreichbarkeit wird in vielen Berufen fast schon vorausgesetzt. Stress sowie körperliche und psychische Erkrankungen nehmen immer weiter zu. Termine bei Psychotherapeuten sind oft erst nach vielen Monaten verfügbar. Immer mehr Menschen arbeiten nur noch nach Vorschrift oder haben innerlich bereits gekündigt.

Arbeiten wir eigentlich noch, um zu leben? Oder leben wir inzwischen nur noch, um zu arbeiten?

Früher gehörte Arbeit selbstverständlich zum Leben. Sie sicherte das tägliche Auskommen. Gleichzeitig blieb den Menschen aber oft mehr Zeit für gemeinschaftliche Feste und das Miteinander. Erst später entwickelte sich immer stärker die Vorstellung, dass Arbeit den Mittelpunkt unseres Lebens bilden müsse. Manchmal habe ich den Eindruck, dass diese Denkweise bis heute nachwirkt.

Bleibt also die Frage:

Kann ein Arbeitstag trotzdem ein schöner Tag sein?

Im Jahr 2020 lag die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern bei knapp 79 Jahren, die von Frauen bei rund 84 Jahren. Wer mit 18 Jahren ins Berufsleben startet und bis mindestens 65 arbeitet, verbringt einen großen Teil seines Lebens am Arbeitsplatz.

Was wäre das für ein trauriger Gedanke, wenn all diese Tage keine schönen Tage sein dürften.

Vielleicht liegt die Antwort deshalb gar nicht in der Arbeit selbst, sondern darin, wie wir ihr begegnen. Natürlich gibt es stressige Tage. Natürlich gibt es Momente, in denen wir lieber zu Hause geblieben wären. Aber vielleicht steckt auch in einem Arbeitstag etwas Schönes. Ein nettes Gespräch. Ein gemeinsames Lachen. Ein erfolgreich abgeschlossenes Projekt oder einfach das gute Gefühl, etwas geschafft zu haben.

Und falls das trotzdem nicht gelingt, sollte man vielleicht tatsächlich noch einmal über seine Berufswahl nachdenken.

Wie wäre es zum Beispiel mit einem dieser Berufe, die es wirklich gibt?

Puppendoktor.

Glückskeks Autor.

Oder Kondom Tester.

Vielleicht freut man sich dort tatsächlich jeden Morgen auf den nächsten Arbeitstag.

 

Unsere Lebenszeit ist zu wertvoll, um sie in schöne und nicht schöne Tage einzuteilen.