Ein Skandal

Seit dem 03.05.2021 veröffentliche ich bereits jeden Freitag genau um 20:21 Uhr einen Blogbeitrag. Wenn ich richtig gezählt habe, sind es inzwischen 222 Stück.

Und jeden einzelnen Beitrag schreibe ich mit sehr viel Herz, großer Leidenschaft und echten Emotionen. Mal zum Lachen, mal zum Weinen. Es ist oft eine echte Herausforderung für mich, denn ich versuche immer, am Wochenende einen neuen Beitrag zu verfassen. Statt Einnahmen, die ich auch gar nicht verlange, bekomme ich hin und wieder eine Rückmeldung, die mich motiviert, weiterzuschreiben, auch wenn es oftmals in Stress ausartet.

Heute möchte ich Dich bitten, wie soll ich sagen, Dich einmal erkenntlich zu zeigen. Aber keine Angst, es folgt kein Aufruf zu einer Spendenaktion. Ich möchte etwas viel Kostbareres von Dir: Deine Vorstellungskraft, Dein Herz und vielleicht maximal zwei Minuten Deiner Zeit.

Vielleicht kannst Du Dir den heutigen Blogbeitrag mal von jemand anderem vorlesen lassen. Schließe währenddessen Deine Augen und stell Dir Folgendes vor:

Du wohnst in einem Haus, an einem Ort, an dem Du nicht einfach nur Deinen Wohnsitz hast. Es ist Dein Zuhause, Dein Lebensmittelpunkt. Vielleicht lebst Du dort seit Jahren oder Jahrzehnten. Vielleicht bist Du sogar dort aufgewachsen, zur Schule gegangen, hast dort Deine Freunde, Deine Nachbarn. Du kennst fast jeden Strauch, jeden Stein. Die Geschäfte in der Umgebung sind Dir vertraut, Dein ganzes Leben spielt sich hier ab. Du fühlst Dich wohl. Du bist hier glücklich.

Gerade bei den immer schneller steigenden Mieten bist Du froh, bezahlbaren Wohnraum zu haben. Dann bekommst Du Post vom Vermieter. Ich kann mich kaum erinnern, dass solche Post jemals etwas Positives bedeutet hat. Höchstens eine Rückzahlung der Heiz- oder Nebenkosten, was ohnehin selten genug vorkommt und worauf sich der Vermieter auch nicht wirklich etwas einbilden kann.

Dein Zuhause soll aufwendig saniert werden. Dir rutscht das Herz ein wenig in die Hose. Denn Sanierungen gibt es natürlich nicht umsonst. Du kannst mit zahlreichen Mieterhöhungen rechnen, ohne dass sich für Dich tatsächlich etwas verbessert. Und wenn Sanierungen anstehen, werden die Kosten selbstverständlich auf die Mieter umgelegt. Einen Teil der geplanten Maßnahmen kannst Du nachvollziehen, aber ein großer Teil wirkt übertrieben oder unnötig.

Es dauert eine Weile, und Du wirst zusammen mit Deinen Nachbarn vom Vermieter eingeladen, um das Ergebnis der Planungen zu erfahren. Genau wie die anderen 39 Mietparteien bist Du neugierig und noch recht entspannt. Nach etlichen PowerPoint-Folien von irgendwelchen Fachleuten erscheint die letzte Folie. Plötzlich ist die Rede von „Rückbau“,  ein Wort, das Du bislang nie wirklich gehört hast.

Noch bevor das Licht im Raum ausgeht, verlassen viele mit Sorgenfalten, manche in Schockstarre, manche sogar weinend den Raum. Du begreifst erst langsam, was hier gerade passiert. Dein Zuhause, Deine Heimat, soll dem Erdboden gleichgemacht werden. Nicht einfach nur zurückgebaut, abgerissen. Das klingt natürlich weniger elegant.

Du bist nicht der Erste, dem das passiert. Dein Vermieter hat das schon mehrfach genauso durchgezogen. Und wenn Du Dir die Neubauten vor Augen führst, dann ist da, wo früher Grünflächen waren, jetzt grauer Beton.

Du schaust Dir eines der betroffenen fünf Häuser genauer an: die Treppenhäuser, die Boden- und Kellerräume, die Wohnungen. Und Du stehst vor einem Rätsel. Wo ist das Asbest? Wo ist der Schimmel? Wo ist die angeblich marode Bausubstanz? Es muss doch einen triftigen Grund geben.

Es heißt, das Haus sei nicht für Sanierungen geeignet, stehe auf Schutt und Asche, könne nicht ausgebaut werden. Energetisch sei nichts mehr zu machen. Du sprichst mit Nachbarn auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Es sind dieselben Haustypen, aus derselben Bauzeit, auf demselben Untergrund gebaut. Viele wurden bereits energetisch saniert, keines ist dabei eingestürzt.

Du gehst auf den Dachboden, willst Wäsche aufhängen. In Gedanken immer wieder dieses Wort: Rückbau. Nein, Abriss. Du wirst aus Deinen Gedanken gerissen, als Du plötzlich rote Warnschilder siehst, die wie Landminen verteilt wurden. „Nur bis 100 kg pro Quadratmeter zu belasten.“ Wenn Dir zum Lachen zumute wäre, würdest Du Dir Deinen Nachbarn vorstellen, der locker über 100 Kilogramm wiegt und durch den Boden bricht. Aber Dir ist nicht nach Lachen. Und wird es auch so schnell nicht mehr sein.

Du sprichst immer wieder mit Nachbarn. Einige sind bereits über 80 Jahre alt, wohnen seit über 50 Jahren hier. Sie haben immer pünktlich ihre Miete bezahlt, sich nie etwas zuschulden kommen lassen. Einer der Gründe, warum sie hier leben und nicht bereits auf Hilfe in einem Heim angewiesen sind, das sie sich nicht leisten könnten, ist die gute Nachbarschaft. Einer hilft dem anderen. Man geht füreinander einkaufen, hilft sich, verbringt Zeit miteinander. Ältere Menschen, junge Familien, Geringverdiener, Menschen mit Migrationshintergrund, Alleinstehende, gesundheitlich Eingeschränkte. Ein durchmischtes Quartier, wie man es sich wünscht. Ein Haus, wie man es sich wünscht. Ohne erkennbare Mängel. Und das mitten in einer grünen Oase. Mit einem Zaunkönig und anderen kleinen tierischen Bewohnern. Das ganze Gebäude steht seit 1956 bescheiden, nicht protzig, einfach da und beherbergt eine Menge Leben. Es hört in der Nacht seinen Bewohnern zu. In den letzten Jahren hat es viele Tränen auf seinem gut erhaltenen Holzboden gespürt, der erst vor wenigen Jahren komplett saniert wurde.

Stell Dir vor, wie der letzte Mieter die Tür hinter sich schließt. Längst sind nicht nur die Betroffenen in Schockstarre, wütend und fühlen sich im Stich gelassen, vom Vermieter, der Politik, den Behörden. Die breite Masse kann nicht nachvollziehen, dass man in der heutigen Zeit ein solches Zuhause zerstören will. Es ist, und es gibt kein anderes Wort dafür, ein echter Skandal.

Hast Du Deine Augen noch geschlossen? Kannst Du es Dir vorstellen, Dich in diese Lage versetzen? Dann öffne jetzt wieder Deine Augen und stell Dir vor, es handelt sich um eine Genossenschaft. Nicht um einen profitorientierten Investor, dem Rendite wichtiger ist als soziale Verantwortung. Eine G E N O S S E N S C H A F T.

Du weißt nicht genau, worin die Vorteile einer Genossenschaft eigentlich bestehen sollten?

Mieter sind Mitglieder, haben Anteile, ihnen gehört das Gebäude. Sie zahlen die Gehälter der vielen Angestellten und auch den Palast, in dem diese residieren. Eigentlich sollten sie Mitspracherecht haben. Doch wenn einfach die Satzung geändert wird und das Recht auf freie Meinungsäußerung gemäß Artikel 5 Absatz 1 des Grundgesetzes über Bord geworfen wird, ist davon nichts mehr übrig. Mitglieder genießen eigentlich lebenslanges Wohnrecht. Staffelmiete, Spekulationen und Profitmaximierung sollten in einer Genossenschaft Fremdwörter sein.

Du kannst Dir die Betroffenen vorstellen? Die wenigen, die noch geblieben sind und sich nicht vertreiben lassen wollen? Und auch Dein Puls geht gerade nach oben? Falls Du zur Miete wohnst und Dich bisher sicher gefühlt hast: Das kannst Du vergessen.

Es sei denn, Du gehst dagegen an. Denn das hier ist leider keine Fantasie, sondern bittere Realität. Und ich bin, mehr oder weniger, selbst betroffen, im doppelten Sinne. Aber gemeinsam sind wir stark und werden das Thema bis in den letzten Winkel tragen. Die Frage ist: Kann sich eine Genossenschaft eine derart schlechte Publicity leisten? Es wird in der nächsten Zeit massive Gegenmaßnahmen geben. Ein großer Teil der Öffentlichkeit ist bereits informiert.

Niemand mit gesundem Menschenverstand kann diese Vorgänge nachvollziehen. Bitte unterstütze auch Du uns.

Was Du tun kannst? Unterschreibe unsere Petition. Teile sie. Teile den Link. Sprich darüber. Teile es in den sozialen Netzwerken, über WhatsApp, überall. Und falls Du in der Nähe wohnst: Komm zum Straßenfest am 07.09.2025.

Du kannst auf mich zählen, dass ich auch nächsten Freitag wieder einen Beitrag für Dich schreibe. Kann ich dieses Mal auf Dich zählen?