Geduld ist was für Leute mit viel Zeit

Hast du dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, was dich an einem Tag so richtig genervt hat?

Ich brauche da oftmals nicht lange drüber nachzudenken. Mich nervt es immer öfter, auf irgendetwas warten zu müssen. Und in letzter Zeit habe ich mal wieder darüber nachgedacht, warum das eigentlich so ist.

Zum Leben gehört Warten einfach dazu. Das ist jetzt keine neue Erkenntnis, aber eine, die immer aufs Neue nervt. Es gibt Tage, die scheinen einen geradezu immer wieder in einer Warteschleife festzuhalten.

Es kommt nicht selten vor, dass ich morgens schon wach werde, bevor der Wecker klingelt. Klar, wenn es noch lohnt, sich auf die Seite zu drehen und wieder einzuschlafen, freue ich mich darüber. Doch dann passiert es öfter, dass ich eben nicht mehr einschlafen kann. Meine Gedanken fangen an, wild zu kreisen, und ich schaue immer wieder auf den Wecker und warte, bis er endlich klingelt.

Dass der erste Gang der Besuch der Toilette ist und auch da nicht immer alles sofort passiert, was man möchte und es wieder Warten heißt, schmücke ich jetzt mal nicht weiter aus.

Bis die drei Minuten unserer elektrischen Zahnbürste endlich um sind, dauert gefühlt länger als drei Minuten. Seit einer Weile versuche ich, diese Zeit damit zu überbrücken, was Professor Froböse einem morgens rät, nämlich seinen Körper zu wecken. Was gibt es also Sinnvolleres, als beim Zähneputzen abwechselnd auf einem Bein zu stehen. Also wird der Baum in einer abgewandelten Form praktiziert. Zugegeben, es ist morgens auf der dicken Badezimmermatte gar nicht so einfach, die Balance zu halten, aber so kann ich die Zeit zumindest sinnvoll nutzen.

Ich hoffe nur, dass ich nicht irgendwann doch mal das Gleichgewicht verliere und mit dem Gesicht auf dem Waschbecken aufkomme. Glaubt mir doch niemand, wenn ich mein dickes Auge damit erkläre, dass ich im Pyjama im Halbschlaf früh morgens den Baum gemacht habe.

Fünf bis sechs Minuten müssen dann als Nächstes gewartet werden, bis der Tee fertig ist. Vielleicht ist das der Grund, warum grüner Tee so beliebt ist. Der ist viel schneller fertig.

Warum das Handy aus ist und ich nach dem Wiedereinschalten warten muss, bis es bereit ist, kann ich nicht erklären. Aber dieser Apfel auf dem Display will einfach nicht verschwinden. Endlich ist die erste Nachricht des Tages versendet, warte ich schon wieder auf die Antwort.

Der Tagesverlauf klärt sich dann beim Betreten der Bäckerei. Noch bevor ich ihn allerdings erreiche, sehe ich jemanden auf mich zukommen, der ganz sicherlich gleich dort einkehren will. Er kommt näher, und ich erkenne ihn. Ich atme schon am frühen Morgen genervt durch. Der darf auf keinen Fall vor mir ankommen. Ich mache immer größere Schritte. Laufen, da er mich bereits wahrgenommen hat, wäre jetzt echt peinlich. Aber sein Vorsprung war einfach zu groß. Er biegt einen halben Meter vor mir ab. In meinen Taschen balle ich meine Hände zu Fäusten. Ich ahne, nein, ich weiß, was jetzt kommt.

Wieder nur ein Mitarbeiter in der Bäckerei. Der weiß bereits auch, was nun kommt. Ein kurzer Plausch mit dem Kunden, und dann bestellt der doch tatsächlich ein Frühstück. Ich möchte doch nur zwei einfache Brötchen. Er frisch geschmierte, einen Kaffee und, wenn ich Pech habe, auch noch ein Rührei. Solange kann ich nicht warten. Wieder raus aus der Bäckerei und etwa 300 Meter weiter zum Nächsten.

Ich öffne eilig die Tür. Drei Kunden vor mir. Unfassbar. Mit jedem Kunden wird auch hier ein kurzes Pläuschchen gehalten. Ich halte es nicht aus. Auf dem Rückweg schaue ich durch die Fensterscheibe bei Bäckerei eins. Der Kunde hat sein Frühstück schon lange. Hätte ich doch nur gewartet.

Der Arbeitstag beginnt. PC wird eingeschaltet. Warten. Bis die Tastatur sich per Funk verbindet, was schon sehr schnell geht, muss erneut gewartet werden. Wie viele Programme braucht man denn heutzutage, denke ich dann. Denn jedes dauert erneut, bis es startklar ist.

Ich klicke wild durch die Programme, will richtig was schaffen. Da sehe ich die Meldung und will auf „Nicht jetzt“ klicken, doch klicke daneben. Das Update wird gestartet. Ich fasse es nicht.

Ich nutze die Zeit und rufe einen Lieferanten an, um meine Frage loszuwerden. Doch statt eines Klingelzeichens kommt folgende Ansage: „Der gewünschte Teilnehmer ist zurzeit nicht zu erreichen. Wenn Sie eine Vertretung erreichen möchten, drücken Sie die Eins. Für einen Rückruf wählen Sie die Zwei. Ansonsten bleiben Sie in der Leitung und warten bitte.“

Das wiederholt sich natürlich mehrfach am Tag. Zwischendurch schaue ich auf meine Uhr. Bis zum Feierabend ist es noch hin, und auch das Wochenende liegt noch in weiter Ferne.

Mittagspause. Heute soll es ein halbes Hähnchen vom Gockelmann sein. Gegenüber ist ein Erdbeerstand. Gute Idee. Weder der Gockelmann hat gerade etwas zu tun, noch die Erdbeerfrau. Prima, die Pause ist ja nicht ewig. Als ich über die Straße gehen will, wird es in dem Moment rot. Verdammt, denke ich, und drehe mich zum Hähnchenwagen um. Erst das Hähnchen, dann die Erdbeeren, disponiere ich um. Ein Fahrradfahrer fährt mir fast über die Füße, als ich mich abrupt umdrehe. Er entschuldigt sich. Ist ja auch meine Schuld, denke ich. Er steigt ab und geht zum Gockelmann. Bestellt fünf halbe Hähnchen. Verdammt, denke ich, und drehe mich erneut um. Die Ampel ist grün, schaltet sich aber in dem Moment auf rot.

Wer braucht schon Erdbeeren, denke ich genervt. Zumindest war das halbe Hähnchen echt lecker. Zurück an die Arbeit. Zwischendurch heißt es natürlich immer wieder warten.

Endlich Feierabend. Jetzt schnell zum Hausarzt, das Rezept für meinen Cholesterinsenker abholen. Das ist aber noch nicht unterschrieben. Es bleibt nur der Gang ins Wartezimmer. Auch wenn es nur etwa fünf Minuten sind, angefühlt hat es sich wie fünfzig.

Zum Abendbrot ist eigentlich alles vorhanden. Aber ein halber Mettklops mit Zwiebeln wäre doch jetzt lecker. Supermarkt eins mit den vielen Studenten um die Zeit oder Supermarkt zwei, der etwas weiter zu laufen ist. Ich entscheide mich für die Zwei. Am Tresen stehen natürlich auch hier einige Kunden. War ja klar. Unsere Yogalehrerin sagt uns immer wieder, nutze die Zeit im Supermarkt und übe die Bergstellung, Tadasana, stehe wie ein Berg.

Füße hüftbreit auseinander, Beine aktiv, Becken leicht nach hinten fallen lassen, Knie leicht gebeugt, Schultern entspannt, Arme locker seitlich am Körper, Hände nach vorne, Kopf in Verlängerung der Wirbelsäule. So stand ich dann da und wartete, dass ich meinen Klops mit Zwiebeln endlich in Empfang nehmen konnte. Doch als ich dran war, musste ich feststellen, dass keiner da war. Auf meine Frage, ob vielleicht noch etwas auf Lager sei, wurde das verneint.

Umsonst angestanden. Aber immerhin in Bergstellung. Also zurück zum Supermarkt eins mit den vielen Studenten um die Zeit. Zumindest wurde ich da fündig. Warum nicht gleich hierher, dachte ich leicht angespannt. An der Kasse mit meinem Klops in der Hand hieß es dann erneut Tadasana.

Der Abend wurde dann nach dem Abendessen mit hochgelegten Beinen auf dem gemütlichen Sofa und einer unserer Lieblingsserien eingeläutet. Dass man trotz Bezahlfernsehen warten muss, bis die Werbung vorbei ist, ärgerte mich schon. Aber das lässt sich nicht ändern.

Ich dachte über den Tag nach, über das Leben. Wenn man regelmäßig einkauft, wartet man in seinem Leben etwa ein Jahr an der Kasse. Schätzungen gehen davon aus, dass der Mensch im Schnitt zwei bis fünf Jahre seines Lebens mit Warten verbringt.

Manchmal fühlt sich das Leben an wie ein einziger Vorraum. Wir sitzen da, ziehen unsere Nummer, starren auf die Anzeige und hoffen, dass bald etwas passiert. Wir warten auf Antworten, auf Gelegenheiten, auf Veränderungen. Und oft merken wir erst viel später, dass das Leben längst stattgefunden hat. Nicht irgendwann, sondern genau in diesen Zwischenmomenten.

Vielleicht ist das Leben nicht das, worauf wir warten, sondern genau das, was dazwischen passiert. In den stillen Momenten. In der Ungeduld. Im Aushalten. Und manchmal zeigt sich das Wesentliche genau dann, wenn scheinbar gar nichts passiert.

Aber warum sind wir so ungeduldig geworden? Warum haben wir es immer nur eilig, selbst wenn wir gar nicht wissen, wohin? Vielleicht sollten wir lernen, ruhiger zu werden. Das Warten nicht als lästige Pause sehen, sondern als Chance. Zum Atmen. Zum Wahrnehmen. Zum Sein. Und vielleicht auch, um uns selbst und anderen wieder etwas mehr Zeit zuzugestehen.