Im Alter zählt nicht das Alter, sondern die Kraft

Man merkt oft erst, wie wichtig etwas ist, wenn es langsam verschwindet. Nicht von heute auf morgen, sondern leise, Schritt für Schritt, so unauffällig, dass man es lange gar nicht richtig wahrnimmt. Bis zu dem Moment, an dem Dinge nicht mehr gehen, die früher selbstverständlich waren. Aufstehen, gehen, sich festhalten, das Gleichgewicht halten. Und genau darum geht es in meinem heutigen Blogbeitrag.

Wenn ich zurückblicke, und das mache ich wirklich oft, dann sehe ich mich als Junge im Sportunterricht. Und wenn ich ehrlich bin, war das nie so richtig mein Thema, außer wenn ich mit meinem Kumpel Stefan einfach laufen durfte. Ein paar Runden oder manchmal sogar eine ganze Schulstunde lang um den Sportplatz. Wir waren gefühlt die einzigen, die das gemacht haben, während die anderen Handball oder Volleyball gespielt haben. Aber genau das war meins. Laufen mochte ich schon damals, auch wenn ich damals überhaupt nicht verstanden habe, warum Bewegung eigentlich so wichtig ist. Es war einfach da, es gehörte dazu, ohne dass ich mir Gedanken darüber gemacht habe.

Und wenn ich heute darüber nachdenke, dann habe ich mich eigentlich mein ganzes Leben bewegt. Zehn Jahre Fußball, später mal ein Fitnessstudio, in dem zwei Freunde von mir angemeldet waren, die beide sichtbar Muskeln aufgebaut hatten, während ich eher ein halbes Hemd war. Egal, wie viel ich damals trainiert hätte, es wäre wahrscheinlich kaum aufgefallen. Also habe ich oft mehr neben ihnen gestanden und mich unterhalten, während sie trainiert haben, und bin am Ende wieder nach Hause gegangen, ohne wirklich etwas gemacht zu haben.

Während meiner Ausbildung gab es ab und zu Squash, und irgendwann bin ich auch mal joggen gegangen, draußen. Und dann, vor fast zwanzig Jahren, sind meine Frau und ich gemeinsam in ein Fitnessstudio eingetreten. Alles war neu, alles spannend, und ich gebe zu, der Wellnessbereich war damals auch ein ziemlich gutes Argument. Aber ich habe auch trainiert. Laufband, Fahrrad, Geräte, Gewichte und Kurse wie Pilates und Yoga oder Rückenfit.

Und heute sind lange Wanderungen mit vielen Kilometern, auch mal an die 30 und ordentlichen Steigungen nichts, was mir Angst macht, sondern eher etwas, worauf ich mich freue. Vielleicht habe ich das auch von meinen Eltern. Meine Mutter hat ihr Leben lang Gymnastik und Yoga gemacht und macht es heute noch. Mein Vater hat lange Fußball gespielt und ist später regelmäßig schwimmen gegangen. Beide sind über die Jahre beweglich geblieben. Nicht perfekt, aber fit genug, um ihren Alltag selbstständig zu bewältigen. Und genau darum geht es.

Wenn ich heute an meinen Nachbarn denke, den ich seit meiner Kindheit kenne, dann wird mir das noch einmal ganz anders bewusst. Früher habe ich ihn öfter mal getroffen. Später, nach seiner Pensionierung, traf man ihn ab und zu draußen mit seiner Frau, bei kleinen Spaziergängen oder kurzen Wegen. Man blieb stehen, sagte ein paar Worte, fragte, wie es dem anderen geht, und ging dann wieder seiner Wege. Ich mochte diese kurzen Begegnungen, auch wenn sie nie lange gedauert haben.

Er hatte jeden Morgen seine Routine. Seine Zeitung war ihm wichtig. Dafür ging er jeden Tag die drei Etagen im Treppenhaus runter und wieder hoch. Und ich habe ihn oft dabei gesehen. Irgendwann wurden seine Schritte langsamer. Es fiel ihm schwerer, die Treppen zu bewältigen, und man sah ihm an, dass es ihn Kraft kostete.

Gleichzeitig gab es da diesen Zeitungszusteller. Ein älterer Mann, der jeden Morgen kam, egal ob Sommer oder Winter, egal ob es warm war oder eisig kalt. Er lief immer mit kurzen Hosen durch die Gegend. Zuletzt stark gekrümmt, als würde ihn jeder Schritt Überwindung kosten. Und ich weiß noch, wie ich ihn manchmal beobachtet habe, und es mir schon beim Zusehen wehgetan hat, wie er sich bewegte. Und trotzdem hat er jeden Tag seine Runde gemacht und die Zeitungen verteilt. Ich habe mich oft gefragt, wie viel er dafür bekommt. Und ganz ehrlich, ich hatte mehr als einmal den Gedanken, ihm einfach das Geld zu geben, damit er sich das nicht mehr antun muss. Aber vielleicht war es gar nicht das Geld. Vielleicht war es das Gefühl, gebraucht zu werden, unter Menschen zu sein, eine Aufgabe zu haben. Ich weiß es nicht.

Mein Nachbar jedenfalls wartete jeden Morgen auf diese Zeitung. Manchmal stand er schon an der Tür, schaute in den Briefkasten, wartete geduldig, auch wenn die Zeitung längst nicht mehr so früh kam, wie man es eigentlich erwarten würde. Beschwert hat er sich nie.

Irgendwann sah ich ihn immer seltener draußen, irgendwann gar nicht mehr. Er war nur noch in der Wohnung unterwegs, und selbst dort fiel es ihm zunehmend schwer, sich zu bewegen. Er ging am Stock, stolperte, fiel immer öfter hin. Und jedes Mal musste ein Rettungswagen kommen, um ihm wieder auf die Beine zu helfen. Er schaffte es nicht mehr allein, auch nicht mit Hilfe seiner Frau. Und es tat mir weh, das mitzubekommen. Nicht, weil es plötzlich kam, sondern weil es so langsam passiert ist, über Jahre hinweg, leise und unaufhaltsam. Die Einsätze wurden häufiger.

Irgendwann kam der Tag, an dem er ins Krankenhaus musste. Und dann war klar, dass er nicht mehr nach Hause zurückkehren kann. Nach einer kurzen Zeit im Pflegeheim ist er seinen letzten Weg gegangen. Und gleichzeitig war auch der alte Zeitungszusteller plötzlich nicht mehr da. Einfach verschwunden, ersetzt durch einen jüngeren, der aber auch nicht viel früher kommt. Und irgendwie war da auf einmal eine Leere, die sich schwer beschreiben lässt.

Und ich habe angefangen, darüber nachzudenken, wie wichtig es ist, sich zu bewegen. Nicht irgendwann, sondern das ganze Leben lang. Denn was viele unterschätzen, ist, dass Muskeln nicht plötzlich verschwinden. Sie gehen schleichend. Ab etwa dreißig beginnt der Körper, Muskelmasse abzubauen. Erst kaum merklich, aber ohne Bewegung, ohne Training wird es von Jahr zu Jahr mehr. Und irgendwann merkt man es nicht mehr nur beim Sport, sondern im Alltag, beim Aufstehen, beim Gehen, beim Treppensteigen.

Und genau das habe ich selbst einmal ganz deutlich erlebt, als meine Achillessehne gerissen war. Ich durfte ein Bein nicht belasten, kaum bewegen. Und ich konnte wirklich zusehen, wie die Muskeln verschwanden. Das eine Bein wurde dünner, schwächer, instabiler, während das andere ganz normal blieb. Der Unterschied war wie Tag und Nacht. Und das nicht nach Jahren, sondern nach wenigen Wochen. Dieser Moment hat mir die Augen geöffnet, wie schnell der Körper abbaut, wenn man ihn nicht benutzt.

Und genau deshalb stehe ich heute mehrfach in der Woche morgens um 5.40 Uhr auf, auch wenn ich keine Lust habe, auch wenn es Tage gibt, an denen ich lieber liegen bleiben würde. Aber ich weiß genau, was passiert, wenn ich es nicht tue. Mein Rücken meldet sich sofort. Bewegung ist für mich keine Option mehr, sondern eine Voraussetzung.

Es geht nicht darum, perfekt zu sein oder einen durchtrainierten Körper zu haben. Es geht darum, stark genug zu bleiben, um das eigene Leben selbst zu leben. Zwei- bis dreimal Bewegung in der Woche reichen oft schon aus, um einen Unterschied zu machen. Ein bisschen Krafttraining, Spaziergänge, Treppensteigen, ganz normale Dinge, aber regelmäßig.

Und auch die Ernährung spielt eine Rolle. Muskeln brauchen Eiweiß, sie brauchen Energie. Und gerade im Alter wird oft zu wenig davon gegessen, obwohl der Körper eigentlich mehr braucht, nicht weniger.

Wenn man nichts macht, passiert genau das, was ich beobachten musste. Die Muskeln werden weniger, die Kraft verschwindet, die Unsicherheit wächst. Und irgendwann reicht ein falscher Schritt, und man kommt nicht mehr allein hoch.

Ich schreibe das nicht, um Angst zu machen, sondern weil ich es gesehen habe, weil ich es erlebt habe und weil es mir gezeigt hat, wie wichtig es ist, in Bewegung zu bleiben, so lange es geht, so gut es geht.

Dieser Beitrag ist meinem Nachbarn Herrn M. gewidmet. Dort, wo Sie jetzt sind, spielt es keine Rolle mehr, wie viel Kraft Sie hier hatten. Keine Treppen, kein Stolpern, kein Fallen. Ich hoffe, es geht Ihnen gut. Und ich werde Sie nicht vergessen, auch nicht die kurzen Gespräche und die kleinen Begegnungen. Und jedes Mal, wenn mein Wecker morgens klingelt, werde ich ein Stück weit auch an Sie denken und daran, warum es sich lohnt, aufzustehen.