Kurze Lunte

Nein, das heutige Bild zu meinem neuen Blogbeitrag soll keine Werbung für Silvester sein. Wobei es mich schon ein wenig daran erinnert, als ich noch mit Böllern unterwegs war. Die richtig fetten Kanonenschläge hatten so eine harte, ganz kurze Zündschnur.

Sie sahen aus wie Dynamitstangen und so hat man sie damals, ich vermeide heute mal das Wort früher, auch behandelt. Aus der Hand anzuzünden war einfach zu gefährlich. Also legte man sie am besten auf eine Mauer, hielt das Feuerzeug dran, drückte es mit schwitzigen Händen auch bei niedrigen Temperaturen durch und starrte auf die Flamme. Sobald die Zündschnur entfacht war, nichts wie weg.

Heutzutage gehören diese Böller der Vergangenheit an. Kurze Zündschnüre gibt es aber, glaube ich, heute wesentlich häufiger als noch vor ein paar Jahren.

Das Problem ist, und ich gebe es an dieser Stelle auch zu, ich schließe mich da keinesfalls aus. Mit der kurzen Zündschnur meine ich natürlich keine Feuerwerkskörper oder andere Dinge, die man anzünden kann. Ich meine uns alle, die in der heutigen Zeit, wie soll ich es beschreiben, sehr schnell reizbar sind. Oder anders ausgedrückt: leicht aufbrausend, impulsiv, mit geringer Frustrationstoleranz, zu Wutausbrüchen neigend, aggressiv oder fast schon cholerisch reagieren.

Man steht an der Kasse und jemand drängelt sich ganz offen und frech vor, ohne zu fragen, während man selbst bereits seit einer Weile geduldig wartet. In Gedanken packt man denjenigen schon am Kragen und zieht ihn zu sich, um ihn ans Ende der Schlange zu schieben. Die Gedanken sind zum Glück frei und natürlich macht man das nicht. Also normalerweise. Aber einen Spruch kann man sich dann oft doch nicht verkneifen.

Es ist in den meisten Fällen auch völlig egal, wie nett man es dem Gegenüber mitteilt. Es wird sofort, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, dagegen geredet, geschimpft oder sogar gepöbelt.

Vor kurzem waren wir im Urlaub und bedienten uns am Buffet, als meine Frau geduldig auf einen anderen Gast am Obststand wartete, bis dieser fertig war. Statt die bereitliegende Zange zu benutzen, griff er die Weintrauben mit den Fingern heraus. Meine Frau wunderte sich zunächst, sagte aber nichts. Wer weiß schon, wo diese Finger vorher waren. Im schlimmsten Fall vielleicht in der Nase. Und Weintrauben vom Buffet wäscht man ja auch nicht noch einmal vor dem Essen. Als der Mann dann etwas genervt beiseite ging und meine Frau sich bediente, schnauzte er sie an, warum sie denn unbedingt darauf gewartet habe. Das war natürlich eine Steilvorlage. Sie sprach ihre Beobachtung freundlich an. Daraufhin wurde er sofort sauer und pöbelte herum. Statt einfach zu sagen, dass er gedankenlos gehandelt hatte, musste es unfreundlich enden.

Vor einer Weile kamen wir aus unserem Opernhaus. Es war eine sehr schöne Aufführung und gut gelaunt machten wir uns zu Fuß auf den Weg nach Hause. Wir überquerten eine Straße, die für Autos komplett gesperrt ist. Nur Busse und Radfahrer sind dort zugelassen. Am Ende der Straße bog ein PKW ein und blieb zunächst stehen. Er hat seinen Fehler rechtzeitig bemerkt, dachte ich. Dann fuhr er aber doch weiter. Wir waren noch mitten auf der Straße, als er direkt auf uns zufuhr. Ich blieb stehen und zeigte ihm, dass er hier nicht fahren darf. Daraufhin beschleunigte der Wagen und nur mit einem schnellen Schritt zur Seite konnten wir Schlimmeres verhindern. Dass ich reflexartig nach dem Wagen trat, war so eigentlich nicht vorgesehen.

Der teure Wagen hielt sofort an. Der Fahrer öffnete sein Fenster und beschimpfte uns aggressiv. Meine Frau wollte ihm erklären, warum wir so reagiert hatten, aber das interessierte ihn überhaupt nicht. Ich nahm meine Frau an die Hand und zog sie von der Straße, was ihr wiederum nicht gefiel. „Alles gut, mach wie du meinst“, sagte ich zum Fahrer und ging weiter. Er sah nicht aus, als wolle er sich belehren lassen. Ganz im Gegenteil. In Gedanken sah ich ihn schon aussteigen und im schlimmsten Fall ein Messer ziehen. Ja, ich habe eine lebhafte Fantasie, aber heutzutage muss man leider mit allem rechnen. Es bringt dann auch rein gar nichts, sich auf eine Diskussion einzulassen, die man ohnehin nicht gewinnen kann.

Ein einfaches „Sorry, ich wusste nicht, dass man hier nicht reinfahren darf“ hätte ja völlig gereicht. Aber hier schien eher das Motto zu gelten, mir egal, was erlaubt ist, ich mache, was ich will.

Vor ein paar Tagen musste ich nach langer Zeit mal wieder mit dem Bus fahren. Meine Frau und ich wollten unser Auto beim Händler abholen, es musste ein Update eingespielt werden. Um 17 Uhr wollte ich dort sein, das sollte eigentlich locker reichen. Natürlich kam der Bus gute zehn Minuten zu spät und seine Endstation war dann leider auf halber Strecke. Eine Alternative gab es nicht, also stiegen wir ein.

Der Bus war so voll, dass wir nur ganz vorne neben dem Fahrer stehen konnten. Unangenehm, so viele Menschen auf so engem Raum. Das bin ich gar nicht mehr gewohnt. Unterwegs war dann auch noch eine Straße wegen eines Polizeieinsatzes gesperrt. Alle im Bus schienen leicht genervt. Als es weiterging und der Fahrer an der nächsten Haltestelle anhielt, um einer gehbehinderten Dame das Aussteigen zu ermöglichen, brüllte eine männliche Stimme durch den Bus: „Muss man denn an jeder Haltestelle halten, wenn der Bus so voll ist? Dann kann man eben nicht alle reinlassen!“

Ich schaute nach hinten und schüttelte den Kopf. Eine Frau antwortete lautstark: „Ich glaube, der Busfahrer ist auf Ihre Kommentare nicht angewiesen. Der weiß schon, was er macht.“ Ich wollte erst klatschen, aber schon ging die Fahrt weiter und ich musste mich festhalten. Auch der Busfahrer schimpfte leise vor sich hin und ich dachte nur, was für ein anstrengender Job.

Kurze Lunte, so wie sie viele Menschen in der heutigen Zeit haben, scheint leider der Normalfall zu sein. Niemand hört sich erst einmal offen an, was der andere zu sagen hat. Niemand hält kurz inne, reflektiert sich selbst und gibt dem Gegenüber vielleicht sogar recht. Ich schließe mich, wie bereits erwähnt, da nicht immer aus. Sobald jemand Kritik äußert, geht man sofort in den Verteidigungsmodus. Warum ist das so? Warum nimmt man Kritik nicht einfach wahr und denkt kurz darüber nach? Stattdessen wird reflexartig ein Gegenargument gesucht und zurückgeschossen.

Einfach mal durchatmen, innerlich bis drei zählen, überlegen, ob der andere vielleicht recht hat, und dann antworten.

Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, mich mehr um meine eigenen Dinge zu kümmern. Soll doch jemand in die falsche Straße fahren oder das Essen mit den Händen angrabbeln. Soll sich doch ein anderer die Schnauze verbrennen.

Aber nein, so bin ich einfach nicht. Wenn ich das Gefühl habe, dass etwas falsch läuft oder jemand ungerecht behandelt wird, dann kann und will ich mich nicht raushalten. Alles andere wäre Kapitulation. Man kann sich nicht überall einmischen, aber ausschließlich durch die rosarote Brille zu schauen, ist auch keine Lösung.

Wie ist das bei Euch? Zündet Ihr schnell oder gelingt es Euch, die eigene Zündschnur bewusst länger zu lassen?

 

 

Von Herzen danke ich Euch für Euer Interesse an meinen wöchentlichen Blogbeiträgen. 

Fürs Mitlesen, fürs Dableiben und fürs Wiederkommen. Manchmal fließen die Worte ganz leicht und ich könnte gefühlt jeden Tag einen schreiben. Und manchmal wird es eng, laut und ein wenig stressig, den richtigen Moment und die passenden Gedanken zu finden. Trotzdem schreibe ich mit großer Freude und echter Leidenschaft. 

Dieser Blog ist ein Stück von mir.

Jede Rückmeldung, jede Leserin und jeder Leser bedeuten mir sehr viel. 

Zu wissen, dass meine Worte irgendwo ankommen, berühren, begleiten oder einfach einen kleinen Moment schenken, macht all den Aufwand mehr als wert.

In dieser oft hektischen Zeit möchte ich Euch von Herzen ein frohes und möglichst besinnliches Weihnachtsfest wünschen. 

Möge zwischen Terminen, Erwartungen und langen Aufgabenlisten auch Raum für Ruhe, Wärme und leise Augenblicke bleiben, selbst dann, wenn die Besinnlichkeit manchmal auf der Strecke bleibt.

Danke, dass Ihr hier seid. 

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