Last Night of the Proms
Es gibt Abende, auf die man sich lange freut, weil man schon vorher weiß, dass sie besonders werden. Abende, die man nicht einfach abhakt, sondern die man im Herzen behält, weil sie eine Stimmung tragen, die man nur schwer in Worte fassen kann.
Genau so ein Abend war es wieder, als die Holstenhallen in Neumünster ihre Türen öffneten und die Last Night of the Proms auf dem Programm stand. Schon Wochen vorher war die Vorfreude groß, und dieser Moment, wenn man schließlich die Halle betritt, fühlt sich fast an wie das Eintreten in eine andere Welt.
Genau wie im letzten Jahr freuten wir uns auf Musik, Tradition, Gemeinschaft und dieses besondere Gefühl, für ein paar Stunden Teil von etwas Größerem zu sein. Und wir wurden nicht enttäuscht.
Zu den Höhepunkten der letzten beiden Festivalsommer gehörten für mich ohne Zweifel die Schleswig-Holstein Proms. Diese Abende mit großem Orchester, hervorragenden Solistinnen und Solisten und einer einzigartigen Stimmung sind jedes Mal ein besonderes Erlebnis. Auch dieses Jahr war es wieder so, und ich habe das Gefühl, dass sich diese Veranstaltung langsam zu einer liebgewonnenen Tradition entwickelt – fast so wie das große Vorbild aus England.
Die Geschichte der Proms ist übrigens sehr interessant. Ursprünglich wurden sie Ende des 19. Jahrhunderts von dem Dirigenten Sir Henry Wood ins Leben gerufen. Sein Ziel war es damals, klassische Musik einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und eine entspannte Atmosphäre zu schaffen, in der man sich einfach wohlfühlt. Seitdem sind die Proms in London fester Bestandteil des Sommers. Zwischen Juli und August wird in der berühmten Royal Albert Hall, die mehr als 8.000 Menschen Platz bietet, fast täglich musiziert. Der letzte Abend, die sogenannte Last Night, hat dabei längst Kultstatus erreicht und lockt jedes Jahr ein begeistertes Publikum aus aller Welt an.
Auch bei uns hier in Neumünster spürt man diesen Geist. Für diesen Abend verwandelte sich die Holstenhalle erneut in eine kleine Royal Albert Hall. Die Hamburger Camerata übernahm den Part des BBC Symphony Orchestra und zauberte gemeinsam mit herausragenden Solistinnen und Solisten ein abwechslungsreiches Programm.
Am Ende gipfelte alles in den absoluten Höhepunkten des Abends mit Rule, Britannia und dem berühmten Marsch Pomp and Circumstance von Edward Elgar. Das war Gänsehaut pur und ein Moment, der bleibt.
Durch den Abend führte – wie schon im letzten Jahr – die wunderbare Annette Dittert, Journalistin, Autorin und Leiterin des ARD-Studios in London. Mit ihrem Charme, ihrer Ruhe und ihrem feinen Humor machte sie das Programm lebendig und verband die einzelnen Stücke so elegant, dass man sich beinahe direkt in die Royal Albert Hall in London versetzt fühlte.
Natürlich gehört zur Last Night auch das passende Outfit. Meine Frau und ich hatten uns wieder in Rot, Weiß und Blau gekleidet. Fähnchen hatten wir leider nicht dabei, aber das wird beim nächsten Mal auf jeden Fall nachgeholt.
Schon beim Betreten der Vorhalle merkte man, dass dieser Abend besonders war. Überall waren fröhliche Menschen, viele festlich gekleidet, einige sogar richtig verkleidet, und in der Vorhalle wartete noch eine kleine Überraschung. Dort standen wunderschöne alte englische Oldtimer, so liebevoll gepflegt, dass man kaum wegsehen konnte. Was für ein Anblick. Sofort denkt man an James Bond, die Queen und inzwischen natürlich auch an den King. Diese Rolls-Royce-Modelle haben eine zeitlose Eleganz, die man nicht vergisst.
In der Pause gab es dann noch ein besonderes Erlebnis. Dudelsackspieler und Spielerinnen sorgten dafür, dass man sich für einen Moment fast nach Schottland versetzt fühlte. Was für ein Klang, was für eine Stimmung. Das war für viele einer dieser kleinen Augenblicke, die man nicht erwartet, die aber dafür sorgen, dass der Abend noch lange nachklingt. Wir kannten das bereits aus dem letzten Jahr und hatten uns schon im Vorfeld darauf gefreut.
Und dann kam endlich der große Abschluss. Die Stimmung im Saal erreichte ihren Höhepunkt, als die traditionellen Lieder angestimmt wurden: Rule, Britannia und Land of Hope and Glory. Es ist kaum zu beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn hunderte Menschen gemeinsam singen, klatschen und feiern. Nur die britische Nationalhymne habe ich in diesem Jahr ein wenig vermisst, aber die Begeisterung war trotzdem ungebrochen.
Am Ende, als die bunten Luftballons von der Decke fielen, gab es kein Halten mehr. Alle standen, jubelten und feierten diesen unvergesslichen Abend.
Gleich zu Beginn hatte man uns wieder mit den Worten begrüßt: „Herzlich willkommen in der Royal Albert Hall des Nordens.“ Schon wie im letzten Jahr sorgte dieser Satz für großes Gelächter im Publikum, und wir lachten herzlich mit.
In diesem Moment musste ich an früher denken, an die Urlaube mit meinen Eltern, als wir jedes Jahr in meiner Jugend in den Schwarzwald gefahren sind. Das ist bekanntlich das Schwabenland, oder wie man dort sagt, das Schwabenländle. Damals begrüßte uns der Hotelchef immer persönlich, es gab einen Willkommensabend, und er brachte jedes Jahr denselben Witz.
Schon auf dem Weg ins Hotel schauten wir uns an und fragten uns, ob er ihn wohl wieder erzählt. Und natürlich tat er es. Jedes Mal. Er sprach über das Essen, die Spezialitäten und sagte fast wortgleich: „Im Schwabenländle isst man sehr viel Spätzle, aber für die Andersgläubigen gibt es natürlich auch Kartoffel.“ Der ganze Saal lachte, und wir lachten mit, obwohl wir ihn längst kannten. Es sind diese Erinnerungen, die bleiben.
Genau das macht auch die Last Night of the Proms aus. Man weiß eigentlich schon, was einen erwartet, und trotzdem ist es jedes Mal anders, jedes Mal neu, jedes Mal besonders. Diese Mischung aus Musik, Tradition, Humor und Gemeinschaft macht diesen Abend unvergesslich.
Als wir spät abends schließlich die Holstenhallen verließen, lag noch ein Hauch von Musik in der Luft. Überall sah man fröhliche Gesichter, Menschen, die leise vor sich hin summten oder ihre kleinen Fähnchen noch in der Hand hielten. Draußen standen die Oldtimer im Scheinwerferlicht, das Glitzern des Lacks spiegelte sich in der Nacht, und für einen kurzen Moment fühlte es sich tatsächlich an, als wären wir in London gewesen. Es war dieser Augenblick, in dem man tief durchatmet, kurz innehält und genau weiß: Das war ein besonderer Abend.
Für uns steht fest: Nächstes Jahr sind wir wieder dabei. Dann sicher mit Fähnchen, ganz bestimmt wieder in Rot, Weiß und Blau und hoffentlich mit noch mehr Menschen, die diese besondere Stimmung lieben.