Man ist so alt...
Eigentlich wollte ich heute einen ganz anderen Beitrag schreiben. Aber manchmal muss es nur ein Satz sein oder auch nur ein Wort, ein Bild, ein Geruch oder ein Geräusch und in meinem Kopf verselbstständigen sich die Gedanken.
Der Auslöser für das heutige Thema war ein Nebensatz eines Kollegen am Telefon, kurz vor Feierabend. Ich schaute bereits auf die Uhr, als wir noch einen kurzen Klönschnack hielten. Es ging um Urlaub und Elektroautos und die Frage, ob ich immer noch so zufrieden mit unserem E-Auto bin.
Ich schwärmte einmal mehr davon, wie froh wir nach wie vor über die Anschaffung sind. Wie viel Geld wir bereits im Vergleich zum Benziner gespart haben und wie viel Spaß ein E-Auto macht.
„Schön zu hören, dass auch ältere Menschen, das ist jetzt nicht böse gemeint“, fügte mein Gegenüber ein, „sich mit dieser neuen Technik auseinandersetzen und es ihnen gefällt.“
Ich überlegte zunächst, wen er denn noch meinen könnte. Welche älteren Menschen. Und dann kam dieser kurze Stich in der Magengegend, der sich anfühlte wie ein ganz winziger, aber doch spürbarer Stromschlag. Verdammt. Er meinte mich.
Ich habe es ihm überhaupt nicht übel genommen oder, wie er es formulierte, böse. Viele meiner Kollegen könnten heutzutage meine Kinder sein, wenn ich einigermaßen früh angefangen hätte, welche in die Welt zu setzen. In einem gewissen Alter gehörten für mich Menschen wie meine Lehrer, die vielleicht gerade einmal über 40 waren, auch zu den älteren Menschen.
Und trotzdem blieb dieser Satz hängen. Offenbar bin ich inzwischen selbst in dieser Kategorie angekommen.
Aber fühle ich mich so alt, wie ich bin. Natürlich nicht. Und das ist zum einen eine große Stärke und zum anderen auch etwas, wofür ich dankbar bin. Wenn ich mich auf Fotos anschaue, zumindest wenn diese zu einer vernünftigen Tageszeit entstanden sind, meine Allergie meine Augen nicht zusätzlich anschwellen lässt und das Licht passt, dann kann ich nicht feststellen, dass ich so alt bin, wie ich bin.
Und damit bin ich vermutlich nicht allein.
Apropos Licht und Wahrnehmung. Habt Ihr mal Dieter Bohlen in letzter Zeit im Fernsehen gesehen. Er ist 72 Jahre alt und hat keine einzige Falte, sieht total verschwommen aus. Allerdings liegt das nicht daran, dass er von Natur aus so jung geblieben ist, sondern daran, dass er offenbar nur noch durch einen Filter gezeigt wird. Seine Mitstreiter sehen völlig normal aus und er ist komplett glattgezogen und kaum wirklich zu erkennen.
Er selbst hat auf Nachfrage sogar zugegeben, dass der Mitarbeiter, der für diesen Filter zuständig ist, schlechte Arbeit gemacht hat. Das heißt im Umkehrschluss, dieser Filter existiert tatsächlich und wird ganz bewusst eingesetzt.
Das wirkt fast schon absurd und passt irgendwie genau zu dem, was mir durch den Kopf ging, nachdem mein Kollege mich als älteren Menschen eingeordnet hat. Wir wollen alt werden, aber wir wollen nicht älter aussehen. Wir akzeptieren das Alter als Zahl, aber nicht unbedingt im Spiegel.
Also ja, die meisten Menschen wollen alt werden, aber nicht älter. Verstanden. Gehöre ich auch dazu. Alt werden wäre natürlich schön, wenn die Gesundheit und der Körper mitspielen. Was nützt es mir, 100 zu werden, wenn ich vielleicht weder sehen noch hören oder mich richtig bewegen kann.
Die Oma meiner Frau hat uns immer wieder gesagt, sie könne es nicht fassen, wenn sie in den Spiegel schaut, wie alt sie bereits ist. Sie fühlte sich locker ein paar Jahrzehnte jünger. Eine Freundin von ihr klebte sich sogar Pflaster ins Gesicht, nicht weil sie verletzt war, sondern weil sie ihre Haut straffen wollte. An den Schläfen und an den Augen. Gebracht hat das natürlich nichts.
Ich habe das jahrelang belächelt. Bis ich feststellen musste, dass ich selbst auch nicht viel besser bin.
Denn wir haben vor einer Weile einen Beitrag auf Instagram gesehen, in dem empfohlen wurde, sich Gummibänder, am besten Haargummis, um die Ohren zu machen. Dieser Trend kommt anscheinend aus Südkorea und soll Schwellungen im Gesicht reduzieren und den Blutfluss beeinflussen.
Es sah ziemlich dämlich aus, als wir beide mit diesen Gummis um die Ohren durch die Wohnung liefen. Zehn bis zwanzig Minuten soll man das machen. Und natürlich kommt danach dieser Moment, in dem man in den Spiegel schaut und sich einbildet, es habe geholfen. Das Problem ist nur, selbst wenn es so wäre, ist der Effekt schnell wieder weg.
Vielleicht mache ich es trotzdem demnächst wieder vor dem nächsten Teams Meeting.
Viele fragen mich auch oder behaupten es einfach, dass ich mir die Haare dunkel färbe. Das Problem hatte schon mein Vater, der ebenfalls wenig graue Haare hatte. Meine Tante sprach ihn regelmäßig darauf an und wurde immer sauer, wenn er es verneinte. Genau so geht es mir jetzt auch. Wenn ich sie tatsächlich färben würde, wären ja nicht zwischendurch immer wieder kleine graue Stellen zu sehen.
Ich achte natürlich auf mein Äußeres. Ich kaufe seit vielen Jahren meine Gesichtsprodukte im Body Shop und habe dort sogar eine eigene Kundenkarte. Mein Schrank ist voll mit meiner Lieblingsserie Edelweiß und ich bevorrate mich regelmäßig.
Morgens nach dem Aufstehen wird das Gesicht zuerst mit einem erfrischenden Gel zu Wasser Reiniger gewaschen. Danach kommt eine leichte Essenz, die Feuchtigkeit spendet. Dann ein Serum, das die Haut glatter wirken lassen soll. Anschließend ein Augenkonzentrat und zum Schluss die Tagescreme. Nachts natürlich eine Nachtcreme.
Während ich das so schreibe, merke ich selbst, wie weit das alles von meiner ursprünglichen Belustigung über die Pflaster im Gesicht entfernt ist.
Nach all den Beautytipps bitte nicht auf falsche Gedanken kommen. Ich bin glücklich verheiratet mit einer Frau, meiner Frau.
„Man ist so alt, wie man sich fühlt“, oder vielleicht auch, wie man sich anfühlt. Und vielleicht ist genau das der Punkt. Mein Kollege hat mich als älteren Menschen bezeichnet und objektiv im Vergleich mit den vielen sehr jungen Kollegen und Kolleginnen hat er vermutlich recht. Aber subjektiv fühlt es sich ganz anders an.
Und wahrscheinlich wird das auch so bleiben.
Wie ein Blogbeitrag durch einen einzigen Satz entstehen kann. Herrlich.