Autonomes Fahren

Mein erster Kilometer ohne mich

Als mein Auto das Steuer übernahm

Dass ich ein Filmfreund bin, habe ich, glaube ich, schon einige Male erwähnt.

Einer der Filme, der mich als Jungen, der damals schon von Technik begeistert war, am meisten beeindruckt hat, ist der Film WarGames aus dem Jahr 1983.

In der Hauptrolle war Matthew Broderick zu sehen. Er spielte den Schüler und Computerfreak David Lightman, der sich aus Neugier in einen geheimen Militärcomputer der USA einhackt.

Dabei hält er ein Atomkriegssimulationsprogramm für ein harmloses Computerspiel und setzt ungewollt eine Kette von Ereignissen in Gang, die beinahe einen echten Nuklearkrieg auslöst. Der lernfähige Supercomputer erkennt schließlich selbst, dass es bei einem Atomkrieg keine Gewinner geben kann, und beendet das Spiel.

Egal ob Terminator, I, Robot, Total Recall, Eagle Eye oder Matrix, in all diesen Filmen übernehmen Computer oder Roboter zumindest teilweise das Sagen. Faszinierend und beängstigend zugleich.

Heute, Jahrzehnte später, gehören Computer und intelligente Systeme längst zu unserem Alltag und sind nicht mehr wegzudenken.

Wenn man einmal genauer darüber nachdenkt, haben wir die Kontrolle über viele Entscheidungen unseres Alltags bereits abgegeben. Der Fahrstuhl entscheidet selbst, welchen Auftrag er als Nächstes ausführt. Die Waschmaschine bestimmt anhand von Sensoren, wie viel Wasser benötigt wird, und der Geschirrspüler legt eigenständig die Dauer seines Programms fest.

Ampeln regeln den Verkehr, automatische Türen erkennen unsere Anwesenheit und öffnen sich von allein, während Mähroboter und Staubsaugerroboter ihre Arbeit verrichten, ohne dass wir ihnen jeden einzelnen Schritt vorgeben müssen. Auch unsere Smartphones treffen ständig Entscheidungen für uns. Sie sortieren Nachrichten, filtern unerwünschte E-Mails, schlagen Antworten vor und präsentieren uns genau die Informationen, von denen ein Computer glaubt, dass sie für uns interessant sein könnten.

Die meisten dieser Entscheidungen nehmen wir kaum noch wahr. Sie sind so selbstverständlich geworden, dass wir gar nicht mehr darüber nachdenken, wie oft Computer und intelligente Systeme uns im Alltag unterstützen oder Entscheidungen für uns treffen.

Eine meiner Leidenschaften ist das Autofahren. Seitdem wir dank meiner Frau, die mich damals gedrängt hat, noch einmal über ein vollelektrisches Fahrzeug statt eines Hybridmodells nachzudenken, fahren wir seit drei Jahren unseren Ford Mustang Mach-E.

Anfänglich und auch heute noch machen sich einige über das Modell lustig. Nach dem Motto: Das ist doch kein Mustang. Aber als der erste Porsche Cayenne herauskam, wurde ebenfalls gelacht. Ein SUV sei doch kein Porsche. Heute ist er aus dem Straßenbild und aus dem Programm des Herstellers nicht mehr wegzudenken.

Als wir kürzlich wieder einmal nach Italien fuhren, immerhin rund 1.200 Kilometer, war ich zum ersten Mal etwas aufgeregt. BlueCruise war nämlich beim letzten Update in unser Fahrzeug eingezogen.

Ford BlueCruise ist ein erweitertes Assistenzsystem für Autobahnen. Auf freigegebenen Strecken kann das Fahrzeug selbstständig lenken, bremsen und beschleunigen. Der Fahrer darf die Hände vom Lenkrad nehmen, muss aber weiterhin aufmerksam bleiben. Eine Kamera überwacht dabei permanent, ob der Blick auf die Straße gerichtet ist.

Für mich ist das Spannende daran, dass man zum ersten Mal das Gefühl bekommt, tatsächlich von einem Computer gefahren zu werden. Das Auto folgt den Fahrspuren, hält Abstand, passt die Geschwindigkeit an und bewältigt sogar Stausituationen erstaunlich souverän. Trotzdem ist man nie nur Passagier, denn die Verantwortung bleibt beim Menschen.

Kurz vor unserer Abfahrt prüfte ich noch einmal, ob die Funktion bereits aktiviert war. Ein Häkchen setzen und schon sollte das Fahrzeug auf der nächsten freigegebenen Strecke melden, dass BlueCruise verfügbar ist.

Meine Frau war von der Idee überhaupt nicht begeistert.

„Echt jetzt? Muss das sein?“

Ich dagegen konnte es kaum erwarten.

Keine fünf Minuten nach der Auffahrt auf die Autobahn erschien die Meldung. BlueCruise ist verfügbar. Mit einem Druck auf die OK-Taste verfärbte sich ein Teil des Displays blau.

Und plötzlich war er da, dieser Moment.

Ich spürte tatsächlich ein leichtes Herzklopfen. Zunächst nahm ich die Hände nur wenige Zentimeter vom Lenkrad weg. Eher so, als würde ich dem System noch nicht ganz trauen. Meine Hände schwebten direkt darüber, jederzeit bereit einzugreifen.

Das Auto fuhr einfach weiter.

Es hielt die Spur. Es hielt den Abstand. Es beschleunigte und bremste völlig selbstverständlich. Nach einigen Minuten legte ich die Hände vorsichtig auf meinen Schoß. Das fühlte sich zunächst seltsam an. Schließlich sitzt man seit Jahrzehnten hinter dem Steuer und hat gelernt, dass man jederzeit die Kontrolle behalten muss.

Mit jedem Kilometer wurde mein Vertrauen größer. Irgendwann tanzte ich sogar mit den Armen durch die Luft, nur um meiner Frau zu zeigen, dass ich das Lenkrad wirklich nicht mehr berührte. Später aß ich sogar ein Brötchen. Allerdings immer so, dass ich innerhalb einer Sekunde wieder die Kontrolle hätte übernehmen können.

Besonders beeindruckt hat mich die Überwachung des Fahrers. Sobald ich etwas zu lange zur Seite schaute, bemerkten die Kameras das sofort. Es folgte eine optische und akustische Warnung. Das funktionierte tadellos, sogar mit Sonnenbrille.

Auch meine Frau wurde mit der Zeit deutlich entspannter. Anfangs beobachtete sie jede Bewegung des Fahrzeugs kritisch. Nach einigen Kilometern hatte auch sie erkannt, wie souverän das System arbeitet.

Und so fuhren wir plötzlich zu dritt über die Autobahn.

BlueCruise nahm enge Kurven, beschleunigte und bremste. Besser hätte ich es oft auch nicht gemacht. Autos, die blitzschnell im Rückspiegel auftauchen und mit weit über 200 Stundenkilometern einen förmlich von der Fahrbahn pusten, sind mir genauso unsympathisch wie diejenigen, die mit deutlich unter 100 Stundenkilometern über die Autobahn schleichen. Letztere sind meiner Meinung nach sogar häufiger anzutreffen und oft die größere Gefahr.

Besonders beeindruckend fanden wir, als das Fahrzeug wegen eines plötzlich auftauchenden Staus selbstständig stark abbremste. Gleichzeitig orientierte es sich auf der rechten Spur weit nach rechts und zeigte sogar den Hinweis „Rettungsgasse“ im Display an. Verrückt.

Tunnel mag das System noch nicht besonders. Auch bei sehr engen Kurven fordert es mich auf, wieder selbst zu übernehmen. Schön zu wissen, dass ich doch noch gebraucht werde.

Aber die Zeit ist eingeläutet. Dank der rasanten Entwicklung von Künstlicher Intelligenz wird es vermutlich nur noch eine Frage der Zeit sein, bis meine Frau und ich während der Fahrt ein Nickerchen machen und nur noch zum Aufladen des Fahrzeugs gebraucht werden.

Vielleicht werden wir in einigen Jahren über diese Diskussion genauso schmunzeln wie heute über die Zukunftsvisionen aus alten Science-Fiction-Filmen. Vielleicht werden unsere Kinder oder Enkel irgendwann gar nicht mehr verstehen, warum Menschen stundenlang selbst am Steuer saßen, obwohl Computer viele Situationen besser einschätzen konnten.

Oder vielleicht bleibt das Fahren eines Autos immer etwas Besonderes. So wie es heute noch Menschen gibt, die Schallplatten hören, mit der Hand schreiben oder Oldtimer fahren.

Ich weiß es nicht.

Was ich aber weiß: Als ich zum ersten Mal die Hände vom Lenkrad nahm und das Auto seinen Weg allein fortsetzte, fühlte sich das gleichzeitig faszinierend, beeindruckend und ein wenig befremdlich an. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen man spürt, dass die Zukunft, die man bisher nur aus Filmen kannte, plötzlich in der Gegenwart angekommen ist.