Mensch ärgere Dich doch nicht
Früher saß man mit der Familie am Tisch, das Brettspiel aufgebaut, bunte Figuren in der Hand, und irgendwann kam der unvermeidliche Moment. Einer flog raus. Und irgendjemand ärgerte sich.
Manchmal laut, manchmal nur mit diesem beleidigten Schweigen, das länger anhielt als jede Partie. „Mensch, ärgere dich nicht“ stand groß auf der Schachtel, aber niemand hielt sich daran. Vielleicht war das schon die erste kleine Lektion fürs Leben.
Heute spielt wahrscheinlich kaum noch jemand das Brettspiel, aber das Ärgern haben wir beibehalten. Es ist fast so, als bräuchte jeder Tag seinen kleinen Aufreger, um vollständig zu sein. Da fährt jemand vor einem an der Ampel nicht sofort los, jemand lässt im Supermarkt den Wagen mitten im Gang stehen, jemand schreibt eine unfreundliche E-Mail, und schon kocht es leise in uns. Wir ärgern uns über das Wetter, über Verspätungen, über Rechnungen, über Nachbarn, über Gott und die Welt. Und manchmal ärgern wir uns über uns selbst, weil wir uns schon wieder über etwas geärgert haben.
Vielleicht ist das Ärgern auch ein treuer Begleiter, der sich mit uns verändert. Als Kleinkind ärgert man sich, wenn das Lieblingsspielzeug jemand anders nimmt, oder wenn der Turm aus Bauklötzen umfällt. In der Schulzeit ärgert man sich, wenn man beim Völkerball als Letzter gewählt wird, wenn man die Mathearbeit vermasselt oder die Eltern einen früher nach Hause schicken als die anderen. In der Pubertät ist das Ärgern fast ein eigener Lebensabschnitt. Da ärgert man sich über Eltern, Lehrer, Regeln, über alles, was einen in seiner Freiheit einschränkt.
Später, als junger Erwachsener, kommen neue Ärgernisse dazu. Der Chef, der alles besser weiß. Der Nachbar, der zu laut Musik hört. Die Technik, die immer dann streikt, wenn man sie braucht. Als Mitarbeiter ärgert man sich über ungerechte Entscheidungen, über zu viel Arbeit und zu wenig Anerkennung. Als reifer Mensch über Bürokratie, über steigende Preise, über die Lautstärke der Welt. Und wenn man älter wird, ärgert man sich manchmal darüber, dass man vieles nicht mehr so kann wie früher. Dass das Knie schmerzt, dass die Geduld der Jungen fehlt, dass die Zeit so schnell vergeht. Vielleicht ärgert man sich dann auch ein wenig über die eigene Ungeduld, über das eigene Hadern.
Und doch bleibt es gleich. Egal in welchem Alter, der Ärger sucht sich immer ein neues Zuhause. Man könnte fast sagen, er wächst mit uns. Nur wer ihm keinen Platz mehr anbietet, hat irgendwann Ruhe.
Interessant ist auch, worüber sich Männer und Frauen besonders ärgern.
Frauen, so scheint es oft, ärgern sich über Gedankenlosigkeit. Über Dinge, die liegen bleiben, über fehlende Rückmeldungen, über dieses leise Gefühl, nicht gesehen zu werden. Männer dagegen ärgern sich häufig über Kontrolle, über Wartezeiten, über Dinge, die sie nicht beeinflussen können. Der eine will, dass endlich etwas passiert, die andere, dass endlich jemand zuhört. Am Ende stehen beide nebeneinander und schütteln die Köpfe über dieselben Dinge, nur aus verschiedenen Richtungen.
Aber im Grunde ist das Leben doch viel zu schade dafür.
Wie viele Tage, wie viele Stunden verschwinden in diesem grauen Nebel des Ärgers, nur weil etwas nicht so läuft, wie wir es gern hätten. Dabei wissen wir doch, es ändert nichts. Der Bus kommt dadurch nicht schneller, der Regen hört nicht auf, der Mensch am anderen Ende wird durch unseren Ärger kein anderer. Wir werfen unsere Energie hinter Dinge her, die längst weg sind, und wundern uns, warum uns am Ende des Tages so wenig Leichtigkeit bleibt.
Vielleicht müsste man öfter an das alte Brettspiel denken.
An diese bunten Figuren, die so geduldig wieder von vorne anfangen mussten. Immer wieder. Und irgendwann hat man gemerkt, das Spiel macht nur Spaß, wenn man weiterspielt. Wenn man den Würfel nimmt, lächelt und sagt, na gut, dann eben noch eine Runde.
Natürlich gibt es Dinge, über die man sich nicht einfach hinweglächeln kann.
Erst vor kurzem war meine Halsschlagader mal wieder richtig dick geschwollen. Und das auch noch in einer der schönsten Zeit des Jahres, der Urlaubszeit.
Unser schönes Hotel auf Mallorca hatte ein wirklich sehr guten Frühstücks- und Abendbuffet. Es ließ kaum Wünsche offen. Als ich den leckeren Lachs sah, der gerade frisch zubereitet wurde, standen zwei andere Gäste vor mir an. Ein Dritter stand so halb dazwischen, allerdings ohne Teller in der Hand, wollte anscheinend erstmal nur schauen. Fertig waren noch zwei Stück Lachs, die nächsten würden aber kurzfristig zubereitet, so wie immer jeden Abend. Die Dame nahm das vorletzte Stück. Der Koch schaute dann beide Gäste fragend an, den, der mit dem Teller in der Hand anstand, und den, der anscheinend nur schaute. Der Gast mit dem Teller schaute wiederrum seinen Nachbarn an, der aber nichts sagte. Also legte der Koch das zunächst letzte Stück auf den Teller. Plötzlich schrie der andere, ältere Gast los. Ein Engländer anscheinend. Er pöbelte den Gast an dass es im gesamten Saal zu hören war. Dieser schaute erschrocken, hielt ihm dann seinen Teller hin, den er anscheinend gerne abtreten wollte. Daraufhin riss der ältere Herr seinen Arm hoch, als würde er ihm gleich eine runterhauen. Alle waren erschrocken und der Manager musste geholt werden, um zu schlichten.
Ich dachte nur, wie kann man sich über ein Stück Fisch streiten und ärgerte mich, wie man so sein kann. Ein paar Tage später beobachtete ich den selben älteren Engländer. Das Gesicht hatte sich eingebrannt. Er stand von seinem Tisch ganz in unserer Nähe auf und hatte seinen vollen Teller in der Hand. Pommes, Fleisch, Gemüse und andere Speisen hatte er sich ausgesucht. Eigentlich passte da nichts mehr rauf. Mit dem Teller ging er an den Tresen, stellte diesen dort ab, nahm sich einen neuen und füllte den in aller Ruhe mit neuen Gerichten. Als wäre nichts geschehen setzte er sich nach einer Weile wieder an seinen Platz, den anderen Teller achtlos weggestellt. Am liebsten hätte ich den Teller genommen und ihm auf seinen Tisch gestellt, aber meine Frau hielt mich zurück und sagte: „Ärgere dich nicht wir haben schließlich Urlaub“! Unfassbar dachte ich, musste mich sehr zurückhalten. Ärger folgt einem sogar bis in den wohlverdienten Urlaub. Großer und Kleiner.
Aber vieles ist gar nicht so groß, wie es sich im Moment anfühlt. Oft reicht ein tiefes Durchatmen, ein kleiner Schritt zurück, und schon sieht man, das ist nicht wichtig genug, um mir den Tag zu verderben. Und selbst wenn man es in dem Moment nicht schafft, sich nicht zu ärgern, vielleicht reicht es schon, es wenigstens zu versuchen. Sich selbst zu sagen, eigentlich ist das jetzt gar nicht so schlimm.
Manchmal ist das der Anfang von etwas, das wir alle ein bisschen öfter üben könnten. Gelassenheit.
Und wer weiß, vielleicht ist das, was wir früher beim Spielen gelernt haben, am Ende gar keine Kindersache, sondern die große Kunst des Erwachsenseins. Verlieren können, ohne sich zu verlieren.