Mittendrin
Es gibt diese Momente, in denen man plötzlich merkt, dass sich etwas verändert hat. Nicht laut, nicht spektakulär, eher leise, fast unbemerkt. So ist es uns in den letzten Jahren ergangen. Meine Frau und ich haben eine Leidenschaft entdeckt, die wir so vorher gar nicht in dieser Intensität auf dem Zettel hatten: kulturelle Veranstaltungen. Theater, Oper, Operette, Ballett. Wir haben inzwischen ein Abo, das uns regelmäßig in diese besondere Welt eintauchen lässt.
Und jedes Mal aufs Neue bin ich fasziniert. Nicht nur von dem, was auf der Bühne passiert, sondern von dem, was dahintersteckt. Diese unglaubliche Menge an Texten, die gelernt werden müssen. Bewegungen, Mimik, Gesang, Timing. Alles greift ineinander wie ein fein abgestimmtes Uhrwerk. Manchmal laufen sogar mehrere Darbietungen mit denselben Darstellern in kürzester Zeit hintereinander, und dennoch wirkt es immer stimmig. Es ist, als würde man einen Blick hinter die Kulissen menschlicher Höchstleistungen werfen.
Und das Erstaunliche daran: Es kostet oft nicht mehr als ein Kinobesuch. Vielleicht sogar weniger. Nur dass man hier etwas erlebt, das lebendig und einzigartig ist.
Was wir seit einiger Zeit ebenfalls sehr zu schätzen gelernt haben, ist das Philharmonische Orchester hier in Kiel. Bei unserem letzten Besuch im Kieler Schloss hatten wir Plätze, die sich ein bisschen anders anfühlten als sonst. Nicht frontal, wie man es kennt, sondern seitlich. Mittendrin, könnte man sagen.
Und genau so hat es sich auch angefühlt.
Wir saßen so nah am Geschehen, dass man Dinge gesehen hat, die einem sonst verborgen bleiben. Zwei große, goldene Harfen standen direkt in unserem Blickfeld. So nah habe ich diese Instrumente noch nie erlebt. Groß, elegant, fast schon majestätisch. Und gleichzeitig technisch komplex. Fußpedale, die ständig bedient werden müssen, während die Hände über die Saiten gleiten, waren mir vorher noch nie aufgefallen. Eine Kunst für sich. Man lehnt die Harfe an die Schulter, und spätestens da wird klar, leicht ist das ganz sicher nicht. Eine der Harfenistinnen ist unsere Yogalehrerin. Als sie uns zuwinkte, fühlte ich mich irgendwie wichtig.
Links von uns saßen zwei junge Musiker. Der eine spielte unter anderem den Gong und kleine, an einem Stiel befestigte Kastagnetten. Der andere war am Schlagwerk beschäftigt. Besonders spannend war für uns zu sehen, dass diese Kastagnetten nicht in der Hand gespielt werden, sondern am Oberschenkel zum Einsatz kommen.
Überhaupt war es faszinierend, wie viele Menschen an so einem Orchester beteiligt sind. Ein Philharmonisches Orchester wie in Kiel umfasst 82 Musikerinnen und Musiker. Allein die Streicher machen dabei einen großen Teil aus, oft rund 25 bis 30 Geiger, aufgeteilt in erste und zweite Violinen. Dazu kommen Bratschen, Celli und Kontrabässe. Dann die Holzbläser, Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotte. Blechbläser wie Trompeten, Hörner, Posaunen und Tuba. Und natürlich das Schlagwerk, das oft unterschätzt wird, aber für die dramatischen Momente unverzichtbar ist.
Und dann gibt es diese kleinen Details, die einem erst auffallen, wenn man so nah dran ist. Zum Beispiel die Bläser, zwei saßen direkt vor uns, eine Frau und ein Mann. Immer wieder nahmen sie zwischendurch ein Teil ihres Instruments ab und ließen Spucke auf den Boden laufen oder, besser gesagt, schüttelten das Teil aus. Ehrlich gesagt, das war gewöhnungsbedürftig. Ich habe mich gefragt, ob es dafür nicht elegantere Lösungen gäbe, ein kleiner Eimer vielleicht. Aber vermutlich gehört auch das einfach dazu.
Der Dirigent machte einen sehr sympathischen Eindruck. Freundlich, zurückhaltend, fast schon bescheiden. Auch wenn ich mich an seinen Frack und die viel zu kurzen Hosen erst gewöhnen musste, aber das ist wohl einfach der Stil von heute. Nach einzelnen Stücken hob er immer wieder gezielt Musiker hervor, die dann aufstanden und besonderen Applaus bekamen. Besonders der Pianist wurde gefeiert, zu Recht, denn er hatte längere Solopassagen, in denen der Dirigent sich bewusst zurücknahm und ihm die Bühne überließ.
Und während ich so dasaß, begann ich irgendwann, die Augen zu schließen. Nicht, weil ich müde war, na gut, ein bisschen vielleicht, es war schließlich früher Mittag. Aber vor allem, weil ich hören wollte. Nur hören.
Und plötzlich war alles noch intensiver.
Diese Vielzahl an Klängen, die sich zu einem großen Ganzen verbinden. Jeder Ton zur richtigen Zeit. Jede Nuance perfekt abgestimmt. Wenn der Gong nur eine Sekunde zu spät kommt, passt es nicht mehr. Wenn ein Einsatz verpasst wird, fällt das ganze Gefüge auseinander. Zwei Stunden höchste Konzentration von jedem Einzelnen.
Und genau da kam mir ein Gedanke.
Ist das nicht wie im echten Leben?
Da steht einer vorne, gibt den Takt vor, hält den Überblick. Der Dirigent. Er weiß genau, wer wann was spielen muss. Er kennt jede Stimme, jedes Instrument, jede Passage. Aber er selbst erzeugt keinen Ton. Ohne das Orchester bleibt es still.
Und genauso funktioniert es auch im Leben. Einer kann führen, planen, koordinieren, aber ohne die anderen entsteht nichts. Kein Klang, kein Ergebnis, kein Erfolg.
Besonders beeindruckt hat mich dabei die Rolle der Streicher. Die vielen Geiger, die selten einzeln hervorgehoben werden. Kaum mal ein Solo, selten großer Applaus, und doch tragen sie das gesamte Stück. Sie schaffen die Basis, die Tiefe, die Verbindung zwischen allem. Sie nehmen sich zurück, damit das Ganze wirken kann.
Vielleicht ist das die größte Kunst, zu wissen, wann man im Vordergrund steht und wann nicht.
Am Ende bleibt für mich dieses Gefühl von Harmonie. Nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich. So viele Menschen, so viele Talente, so viele unterschiedliche Aufgaben, und doch entsteht daraus etwas Einheitliches, etwas Schönes.
Fast mittendrin zu sitzen, hat mir das noch einmal auf eine ganz andere Weise gezeigt.
Und vielleicht ist genau das die Botschaft, die ich an diesem Mittag mitnehme:
Alleine kann man viel, aber gemeinsam entsteht etwas Großes.
Ergänzend zu meinem letzten Blogbeitrag mit dem Titel „Das K Wort“ von letzter Woche möchte ich heute noch etwas hinzufügen.
Denn heute gibt es noch ein besonderes K-Wort, das mir persönlich sehr am Herzen liegt.
„Kady“.
Du arbeitest unglaublich viel, oft zu Zeiten, die sich andere gar nicht vorstellen können. Keine einfachen Arbeitszeiten, manchmal wenig Planbarkeit, und trotzdem ziehst Du das alles durch. Mit einer Selbstverständlichkeit, die alles andere als selbstverständlich ist.
Und wenn dann mal Zeit ist, dann genießt Du sie. Am liebsten auf „Kreuzfahrt“. Das Meer, der Wind, das Gefühl von Freiheit. Und ich weiß, eine steht schon fast vor der Tür. Genau die Momente, die man braucht, um wieder Kraft zu sammeln.
Aber auch hier bei uns findest Du Deine Auszeiten, in „Sankt Peter Ording“, auf „Sylt“, einfach mal raus, durchatmen, den Kopf frei bekommen.
Und genau das wünsche ich Dir.
Mehr „Kraft“ für die Tage, die anstrengend sind.
Mehr „Klarheit“ in den Momenten, in denen alles gleichzeitig kommt.
Viele kleine Augenblicke voller „Kleines Glück“, die Dir ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
Und natürlich ganz viel Vorfreude auf Deine nächste „Kreuzfahrt“.
Ich wünsche Dir Gesundheit, Zufriedenheit und dass Du Dir trotz allem Trubel immer wieder Deine eigenen kleinen Inseln schaffst.
Und vielleicht ist genau das das schönste K Wort von allen: „Kostbar“.
Denn genau das bist Du für die Menschen, die Dich kennen, und ganz besonders auch für mich.
Alles Gute zu Deinem Geburtstag.