Noch ein Schild, noch weniger Wirkung
Habe nur ich den Eindruck, dass draußen in der weiten Welt immer mehr Schilder unseren Alltag bestimmen?
Klar, im Straßenverkehr geht eigentlich so gut wie nichts ohne Verkehrsregelungen. Das merkt man immer wieder besonders dann, wenn eine Ampel ausgefallen ist.
Man tastet sich langsam bis an die vorderste Kante der Straße, um dann beide Richtungen immer wieder zu prüfen, ob jemand kommt. Nicht, dass einen mal jemand reinlässt, der es nicht muss. Das passiert tatsächlich manchmal, aber äußerst selten.
Also ohne Ampeln geht schon mal gar nichts. Aber es gibt noch mindestens genauso wichtige Verkehrszeichen. Zum Beispiel das Einbahnstraßenschild. Stell dir vor, jemand sägt oder schraubt so ein Schild auf dem Weg zur nächsten Autobahn ab und du fährst vielleicht im Dunkeln in die falsche Richtung. Gruseliger Gedanke. Obwohl, jetzt, da ich darüber schreibe, wundert es mich fast, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist. Kann ja leider alles noch kommen.
Keine 30er Zone an Schulen und alle brettern mit 80 durch die Straßen, wäre ebenfalls eine Katastrophe. Tempolimit auf Autobahnen, auch das ist ein Thema. Verkehrsschilder sind ein Muss.
Seit einiger Zeit gibt es auch Schilder in einigen Bussen, dass man nicht laut telefonieren möge. Meine Frau hat es bereits erlebt, dass Busfahrer das auch aktiv ansprechen. Ich verstehe manche Menschen nicht. Die meisten telefonieren heute ohnehin nicht mehr klassisch, sondern benutzen das Handy wie ein Funkgerät, sprechen unten ins Gerät. Wobei sprechen oft eher brüllen ist. Man fragt sich manchmal, warum das Gerät überhaupt noch benutzt wird, wenn der andere Gesprächspartner es theoretisch über Kilometer hinweg auch so hören müsste.
Rauchverbot ist ebenfalls so ein Thema. Man kann sich kaum noch vorstellen, wie es war, als noch fast überall geraucht werden durfte. Teilweise durfte, je nach Fluggesellschaft, bis 2005 in Flugzeugen geraucht werden. Ich kann mich noch daran erinnern. In den letzten Reihen wurde tatsächlich noch geschmökt. Dass sich der Rauch natürlich im ganzen Flieger verteilt hat, braucht man nicht extra zu erwähnen. Heute hängen dort Schilder, die ein absolutes Rauchverbot markieren.
Tiere füttern verboten, ein Klassiker. Tauben und Möwen werden trotzdem gern gefüttert. Und dann wundert man sich, wenn das Fischbrötchen oder die Pommes von gefiederten Mitbewohnern aus der Hand gerissen werden.
Betreten verboten auf Baustellen, oft zu lesen, klar, da besteht Verletzungsgefahr. In Fußgängerzonen soll man nicht Fahrrad fahren, erst recht nicht, wenn es eng und stark besucht ist.
Hunde sind an manchen Stränden verboten, außer in bestimmten Abschnitten. Niemand möchte seine Decke auf Hundekot ausbreiten.
An manchen Plätzen darf man nicht essen oder trinken, wie in vielen Läden oder Museen.
Offenes Feuer im Wald ist besonders in der trockenen Jahreszeit ein No Go.
Dazu kommen natürlich Verbotsschilder, die erst seit ein paar Jahren stärker auffallen. Kein Smartphone in Wellnessbereichen, besonders in Nacktbereichen. Passend dazu fällt mir noch das Upskirt Foto Verbot ein. Damit ist das heimliche Fotografieren unter den Rock ohne Zustimmung gemeint. Und man fragt sich, wer dafür überhaupt jemals eine Zustimmung geben würde.
Messer verboten oder Waffen allgemein, ein zunehmendes Phänomen. Besonders auf öffentlichen Veranstaltungen und Weihnachtsmärkten kaum noch wegzudenken.
All diese Verbote sollte ein normal denkender Mensch, der zumindest etwas gebildet ist und einen Hauch von Empathie besitzt, eigentlich gar nicht beachten müssen. Dieser Mensch sollte sie im Idealfall nicht einmal bewusst wahrnehmen, weil es selbstverständlich ist, sich daran zu halten.
Doch irgendwo da draußen läuft garantiert genau dieser eine Typ herum, der nachts entgegen der Einbahnstraße mit 80 durch die 30er Zone an der Schule vorbei rast, bei ausgefallener Ampel einfach blind drüberzieht, dabei im Bus laut telefonierend auf Lautsprecher brüllt, als würde er eine Evakuierung koordinieren, sich im Flugzeug auf dem letzten Platz eine Zigarette anzündet, Tauben, Möwen und vermutlich auch Waschbären mit Pommes füttert, über Baustellenabsperrungen klettert, mit dem Fahrrad durch volle Fußgängerzonen slalomt, seinen Hund mitten zwischen die Strandhandtücher setzt, im Museum erst einmal ein Döner Menü oder seine Scheibe Schweinebraten vom Vortag auspackt, im trockenen Wald ein Lagerfeuer entfacht, im Wellnessbereich mit dem Smartphone herumfilmt, heimlich unter Röcke fotografiert, bewaffnet über den Weihnachtsmarkt spaziert und sich bei jedem einzelnen Verbotsschild wahrscheinlich denkt: ach guck mal, persönliche Handlungsempfehlungen.
Und mein Empfinden ist, dass dieser Typ Schule macht. Dass dieser Typ immer mehr Kinder in die Welt gesetzt hat und auch weiter setzt und dass von ihm eine Art Ansteckungsgefahr ausgeht.
Denn Verbotsschilder scheinen in der heutigen Zeit von vielen Menschen nicht mehr richtig gelesen oder verstanden zu werden. Was ist zum Beispiel an einem durchgestrichenen Smartphone im Wellnessbereich nicht zu verstehen, dass trotzdem viele darauf herumtippen?
Das beste Beispiel ist der Straßenverkehr. Das ist mir in letzter Zeit besonders aufgefallen. Egal wie die Geschwindigkeit geregelt ist, egal auf welcher Straße, du wirst von hinten bedrängt, dir wird der Finger gezeigt, du wirst im besten Fall, wenn du mit erlaubten 130 Stundenkilometern auf der linken Spur fährst und Platz machst, im Vorbeifahren angesehen, als wärst du einfach zu langsam oder unfähig.
Mir sind die Schilder oft viel zu viel und sie nerven mich. Aber eigentlich müssten es noch viel mehr sein. Sie sollten auch nicht in Sprache formuliert werden, sondern ausschließlich in Zeichensprache, wie man sie aus Comics kennt. Aber auch das würde wahrscheinlich nicht helfen, dazu müsste man ja auch mal ein Buch in die Hand nehmen, wenn auch nur ein Comicbuch.
Die Welt hat sich stark verändert. Eigentlich müsste es täglich neue Verbotsschilder geben. Aber was nützt das alles, wenn die Zahl derer, die sie nicht bräuchten und derer, die sie überhaupt noch verstehen, immer kleiner wird?