In diesen Tagen musste ich mich einmal mehr gedanklich in meine Kindheit versetzen. Damals gab es in unserer Stadt noch eine Filiale der Warenhauskette Merkur. 

Merkur, die erste Filiale unter diesem Namen ging bereits 1938 an den Start und hatte wirklich fast alles zu bieten, was man sich nur wünschen konnte. 

Auch wenn man sich das heutzutage gar nicht mehr vorstellen kann, die Warenhauskette, die später dann in Horten umgewandelt wurde, eröffnete 1965 die 50. Filiale und hatte sogar drei eigene Tankstellen. 45 Pfennig kostete Normalbenzin und 50 Pfennig der Liter Super. Unfassbar. 

OK, damals habe ich mich allerdings noch nicht für Benzin interessiert, sondern eher für Spielsachen. Und da Merkur eine riesige Spielwarenabteilung hatte, war ich fast jeden Tag nach der Schule, meistens mit meinem Freund Thorsten, in dem Kaufhaus und verbrachte dort eine Menge Zeit. Das Schöne war, man konnte sehr viele Spielsachen ausprobieren. Zu Weihnachten wurde eine riesige Carrera Autobahn aufgebaut und man konnte gegen andere Kinder Rennen fahren. Eigentlich hatte ich mir jedes Jahr zu Weihnachten und zum Geburtstag (und zwischendurch) etwas von Horten ausgesucht und gewünscht.

Nachmittags war ich dann auch manchmal mit meinen Eltern auf der obersten Etage ein Schnitzel essen. Das war jedesmal ein ganz besonderes Ereignis. Um 18:00 Uhr schlossen sämtliche Geschäfte, man musste daher recht früh dort sein. Aber das war eben damals völlig normal. Dass sich die Öffnungszeiten einmal so verändern würden, hätte man sich gar nicht vorstellen können. Warum auch, es hat ja auch so ausgereicht. 

Das Besondere in einem solchen Kaufhaus war, dass man auch seine Lebensmittel dort kaufen konnte. Einmal bei Merkur, konnte man alles kaufen, was man benötigte. Ein Preisvergleich fand nicht statt, war einfach unbekannt. 

Als ich dann meine Ausbildung begann, gab es samstags bei Merkur immer ein leckeres Frühstück. Und da „Lehrjahre keine Herrenjahre“ waren, so sagte man damals und heute weiß wahrscheinlich kaum noch jemand, was damit gemeint ist, musste man für die Kollegen auch dort Besorgungen machen. Einer unser Lehrlinge, ich kann mich daran jedoch nicht erinnern, musste auch Strumpfhosen für die Kolleginnen besorgen. Ich bekam öfter eine Einkaufsliste für Zutaten für ein gemeinsames Frühstück und auch mal für Pralinen, tatsächlich auch ab und an mit Alkohol gefüllt. Die wurden dann heimlich gegessen. 

Es war eine sehr schöne Zeit. Als aus Merkur dann Horten wurde und diese Filiale dann als letzte Filiale 1988 geschlossen wurde, gab es viele Tränen. Die Umsätze der Geschäfte rundherum brachen dramatisch ein. Es fehlte vielen Einwohnern ihre besondere Einkaufsmöglichkeit. 

Es gab zwar noch drei Karstadt Filialen, aber das war nicht das Gleiche. Auch der Karstadt-Konzern kam allerdings 2004 in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Eine der drei Filialen in Kiel wurde 2005 geschlossen, die Zweite 2011 abgerissen. Am Schlimmsten trifft das natürlich immer die Mitarbeiter. Natürlich nicht alle Mitarbeiter. Der damalige Vorstandsvorsitzende Wolfgang Urban bekam nämlich eine satte Abfindung. Angeblich 10 Millionen Euro durch eine „kleine“ Panne. Sein bis 2004 befristeter Vertrag wurde nämlich 2003 „versehentlich“ vorzeitig um fünf Jahre verlängert. Dieser konnte also offiziell „aus gesundheitlichen Gründen“ mit einer Menge Geld auf eigenen Wunsch das Unternehmen verlassen. Wenn man bedenkt, dass dieser Vorstandsvorsitzende den Konzern erst seit Oktober 2000 leitete und 2003 der Umsatz zurückging, kein schlechter Verdienst. 

Der neue Chef des Unternehmens, Thomas Mittelhoff, der dieses eigentlich retten sollte, wurde 2014 wegen Untreue zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt. Jede vierte der 83 Filialen schrieb damals schon rote Zahlen. Um die Arbeitsplätze zu erhalten, waren die Mitarbeiter mit weniger Weihnachts- und Urlaubsgeld und höheren Wochenarbeitszeiten einverstanden. Gebracht hat das alles anscheinend nichts, nun droht erneut das Aus.

Aber warum überleben diese großen Kaufhäuser einfach nicht mehr? 

Ganz einfach, weil wir alle zu anspruchsvoll und bequem geworden sind. Geiz ist geil und spätestens seitdem wir das alle gelernt haben, ist es unsere Bestimmung geworden, möglichst sämtliche Preise zu vergleichen. Man will im Kaufhaus einen neuen Fernseher kaufen? Erst wird dieser sich einmal angeschaut und mit den Geräten daneben verglichen. Schnell ein Foto von der Modellbezeichnung mit dem Smartphone gemacht und je nachdem, ob es einem peinlich ist oder nicht, direkt im Laden der günstigste Preis ermittelt oder auch erst nach der ausführlichen Beratung des Verkäufers zu Hause durchgeführt. 

Das Gerät ist nicht vorrätig, es dauert zwei Tage? Geht gar nicht. Man kann natürlich nicht warten. Die Lieferung kostet etwas, geht natürlich auch nicht. Man soll ihn alleine, was bei der Größe heutiger Fernseher nicht mehr möglich ist (außer für die Fahrer der Logistik-Unternehmen, die den überdimensionalen Karton alleine in die dritte Etage tragen müssen), ins Auto tragen, geht auch gar nicht. Man kann das ausgepackte Gerät bei Nichtgefallen nicht wieder zurückbringen und sein Geld erhalten, auch ein Ausschlusskriterium. 

Am liebsten möchte man, dass das Gerät zum besten Preis kostenlos nach Hause gebracht, ausgepackt und eingerichtet wird. Und den Karton bitte wieder schön mitnehmen. 

Was muss also ein Kaufhaus veranstalten, dass wir nicht nur gerne dorthin gehen, sondern auch unser Geld dort lassen?

Vor einiger Zeit waren wir mal im KaDeWe, dem Kaufhaus des Westens. Ich war beeindruckt. Das Haus ist wirklich gigantisch und die Warenpräsentation phänomenal. Aber das Sortiment hat auch seinen Preis. Da muss man schon tief in die Tasche greifen und trotzdem war es brechend voll und es wurden eine Menge Einkaufstaschen durch die Gegend getragen. Geld scheint also genügend vorhanden zu sein, oder nicht?

Laut eines recht aktuellen Berichtes der Zeitschrift Focus hat jeder deutsche Privathaushalt 162.600 Euro Vermögen. Schulden sind davon bereits abgezogen. Die Bundesbank geht sogar von 232.800 Euro aus. Also mich hat zu dieser Befragung keiner eingeladen. Wenn wir also so viel Geld haben, warum lassen wir dann unser Geld nicht in einem Warenhaus wie Karstadt? 

Weil wir tatsächlich zu bequem, zu anspruchsvoll, zu fordernd sind und weil es zu unserer Passion geworden ist, immer das günstigste Schnäppchen zu erwischen? Ich kann diese Frage nicht beantworten. Aber wenn tatsächlich nun auch die letzte Karstadt Filiale bei uns schließt, schließt auch ein Stück Tradition. Ein Stück unserer eigenen Identität.