Soziale Kontakte zum Anfassen
Diese Woche musste ich tatsächlich zweimal herzlich lachen.
Mein Schwiegervater hatte Geburtstag und da mein eigener Geburtstag auch nicht mehr weit entfernt ist, habe ich mir Gedanken gemacht. Was schenkt man eigentlich? Und was wünscht man sich selbst? Gesundheit, gemeinsame Zeit, vielleicht eine kleine Reise oder einfach ein paar unvergessliche Momente mit der Familie. Dabei musste ich plötzlich an etwas denken, das ich kurz zuvor gelesen hatte.
Donald Trump hat sich zu seinem Geburtstag tatsächlich eine Ultimate Fighting Veranstaltung gewünscht. Einen Käfig, Faustkämpfe und das alles direkt vor dem Weißen Haus. Ich musste den Bericht erst mehrfach lesen und später sogar noch im Fernsehen sehen, bevor ich glauben konnte, dass das wirklich sein Geburtstagswunsch war. Selbst jetzt klingt das noch so skurril, dass ich grinsen muss. Es war diese ArtLachen, wenn etwas so absurd ist, dass man es einfach nicht fassen kann.
Aber gut, haken wir das ab.
Wenn man im Home Office arbeitet, bekommt man regelmäßig den gut gemeinten Rat, seine sozialen Kontakte nicht zu vernachlässigen. Man müsse unter Menschen gehen, neue Leute kennenlernen, Gespräche führen und bloß nicht vereinsamen.
Diesen Rat nehme ich tatsächlich ernst. Meine Frau und ich sind gerne unterwegs. Sie hat mir in den letzten Jahren beigebracht, für Neues offen zu sein. Früher hätte ich vieles wahrscheinlich gar nicht ausprobiert. Heute besuchen wir gemeinsam die unterschiedlichsten Kurse. Mal Yoga, mal einen Workshop über Aromaöle, mal die Zubereitung von Matcha Tee oder andere Dinge, von denen ich vorher nicht einmal wusste, dass es sie überhaupt gibt. Ich finde das schön. Man lernt interessante Menschen kennen, führt Gespräche und erweitert ganz nebenbei den eigenen Horizont.
Vor ein paar Tagen kam allerdings noch eine ganz andere Art von sozialem Kontakt dazu.
Geschuldet war das letztlich meinem Home Office. Wer den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, steht einfach zu wenig auf. Meine Apple Watch erinnert mich zwar regelmäßig daran, aber ich bin Meister darin, diese Erinnerung wegzudrücken und noch schnell „eben diese eine Mail“ zu schreiben. Aus einer Mail werden dann zwanzig. Seit Jahren begleiten mich Rücken und Nackenprobleme. Mittlerweile leider etwas hartnäckiger. Bandscheibe und Halswirbelsäule verlangen regelmäßige Bewegung, Sport und Übungen. Deshalb gönnen wir uns hin und wieder eine klassische Wohlfühlmassage. Warmes Öl, entspannende Musik und anschließend fühlt man sich irgendwie leichter.
Eine Thaimassage wollten wir allerdings schon seit Jahren ausprobieren. Getraut habe ich mich nie. Man kennt schließlich diese Bilder aus dem Fernsehen. Zierliche Frauen, die plötzlich mit Ellbogen, Knien oder sogar den Füßen auf ihren Kunden herumturnen. Ehrlich gesagt hatte ich wenig Lust, als menschliche Turnmatte zu enden.
Meine Frau nahm mir die Entscheidung schließlich ab.
„Ich habe uns eine Stunde Thaimassage gebucht.“
Spontan. Für uns beide. Nebeneinander.
Natürlich weiß ich, welchen Ruf Thaimassagen manchmal haben. Erzählt man davon, wird man häufig erst einmal schief angeschaut. Dabei wollten wir nichts anderes als eine ganz normale therapeutische Massage kennenlernen.
Also betraten wir neugierig das Studio. Teppiche, Buddha Figuren, Bilder an den Wänden, Vorhänge und zwei große beheizte Liegen empfingen uns. Irgendwie gemütlich, aber gleichzeitig auch ein wenig geheimnisvoll.
Während wir uns noch umsahen, gingen zwei eher kleine, kräftig gebaute Damen wortlos an uns vorbei und brachten einige Handtücher in einen Nebenraum. Ich dachte sofort: Das werden wohl die Mitarbeiterinnen sein, die sich um Ordnung und Sauberkeit kümmern.
Wie man sich doch täuschen kann.
Kurz darauf fragte uns die Chefin, ob wir lieber eine Stunde klassische Thaimassage oder eine halbe Stunde klassisch und anschließend eine halbe Stunde Ölmassage möchten. Wir entschieden uns für die Kombination. Dann bekamen wir beide eine Leinenhose in die Hand gedrückt. Gefühlt Größe XXL. Bis auf die Unterwäsche ausziehen, Hose anziehen und oben irgendwie festhalten, damit sie nicht herunterrutscht. Anschließend legten wir uns nebeneinander auf die beiden Liegen.
Mit dem Gesicht nach unten.
Ich schaute noch einmal zur Decke und entdeckte mehrere Metallstangen.
„Oh Gott“, dachte ich. „Das sind bestimmt Haltegriffe. Gleich klettern sie wirklich auf meinen Rücken.“
Es dauerte nicht lange. Plötzlich spürte ich Hände an meinen Füßen. Ich konnte weder meine Frau sehen noch erkennen, wer mich gerade behandelte. Meine Beine wurden auseinandergezogen, wieder zusammengedrückt und in Richtungen bewegt, von denen ich bisher gar nicht wusste, dass sie anatomisch überhaupt möglich sind.
Dann saß plötzlich jemand zwischen meinen Beinen. Kurz darauf spürte ich Ellbogen. Oder Knie. Vielleicht auch Füße. Ich konnte es nicht genau unterscheiden. Es tat jedenfalls ordentlich weh.
Natürlich hätte ich jederzeit sagen können, dass es etwas sanfter sein darf. Tat ich aber nicht. Nebenan fragte die andere Therapeutin meine Frau mehrfach, ob alles in Ordnung sei. Ich dagegen biss innerlich lieber in das Handtuch. Schließlich wollte ich mir keine Blöße geben.
Gut, dass ich seit einiger Zeit Yoga mache. Sonst hätte ich wahrscheinlich meinen eigenen Fuß im Nacken wiedergefunden.
Zwischendurch musste ich immer wieder grinsen. Nicht weil es angenehm war. Sondern weil ich plötzlich begriff, dass die Dame, die mich gerade scheinbar mühelos verbog, genau die kleine kräftige Frau war, die ich wenige Minuten zuvor für die Reinigungskraft gehalten hatte.
Was für eine Fehleinschätzung.
Diese Frau verfügte über Kräfte, von denen ich nicht einmal ahnte, dass sie existieren.
Auch die anschließende Ölmassage hatte übrigens herzlich wenig mit Streicheleinheiten zu tun. Da wurde richtig zugepackt. Als ich schließlich auf dem Rücken lag, ließ ich meine Augen lieber geschlossen. Ich wollte gar nicht wissen, was gerade mit meinem Körper passierte. Vielleicht war das besser so.
Nach sechzig Minuten war ich ehrlich gesagt erleichtert, dass es vorbei war. Und gleichzeitig überrascht. Es hatte tatsächlich gut getan. Meine Frau meinte sogar, einige ihrer Blockaden hätten sich schon beim ersten Mal gelöst. Auch ich fühlte mich lockerer, freier und deutlich beweglicher.
Beim Hinausgehen begegnete uns meine Therapeutin noch einmal. Sie sammelte gerade Handtücher ein. Ich schaute sie an und musste wieder schmunzeln. Sie war immer noch klein. Immer noch kräftig. Und ich konnte kaum glauben, dass genau diese Frau eben auf meinem Rücken gestanden hatte. Manchmal unterscheiden sich Vorstellung und Wirklichkeit eben erheblich.
Eines steht jedenfalls fest. Soziale Kontakte können ganz unterschiedlich entstehen. Manche führen zu langen Gesprächen, andere zu neuen Freundschaften. Und manche sorgen einfach nur dafür, dass man am nächsten Morgen Muskeln spürt, von denen man bis dahin gar nicht wusste, dass man sie besitzt.