Trinkgeld
Als Jugendlicher stand ich total auf die Serie Dallas. Ich habe sie wirklich geliebt.
Mein Traum war damals, sie mir ansehen zu können, wann immer ich wollte. Klar, heutzutage können viele gar nicht verstehen, was daran ein Traum gewesen sein soll. Auf irgendeinem Streamingportal oder auf einem der unzähligen Programme der Kabelanbieter läuft sie doch fast immer in einer Wiederholung. Diese Möglichkeiten hatte man damals noch nicht.
Die Lösung zu der Zeit war ein Videorecorder. Doch das hatte einen Nachteil: Die damals moderne Technik, die heute nur noch in Museen, eingestaubt auf Dachböden oder auf dem Elektroschrott zu finden ist, war teuer.
Ein Videorecorder, der so schwer war wie ein Panzerschrank, kostete richtig viel Geld. Und allein mit meinem Taschengeld war das nicht zu finanzieren. Also musste neben der Schule ein Nebenjob her. Zeitungen austragen war damals ein adäquates Mittel.
Jeden Donnerstag wurden also gefühlt Tonnen an Zeitungen und manchmal auch Beilagenwerbung vor unserem Haus abgeladen. Da mein Vater als Briefzusteller vom Fach war, half er mir nicht nur dabei, die Beilagen blitzschnell in den Zeitungen zu verteilen, sondern auch beim Austragen.
Jeder mit einem Zeitungswagen ausgestattet, teilten wir die Tour auf. Einer auf der einen Straßenseite, einer auf der anderen. Früher musste man auch noch die Etagen hochlaufen. Briefkästen unten waren die Ausnahme. Treffpunkt, wenn alle Zeitungen verteilt waren, war immer ein kleiner Imbiss, in dem wir nach der Arbeit zusammen ein Kaltgetränk genossen.
Oftmals kamen wir mehr oder weniger gleichzeitig dort an. Ich staunte nicht schlecht, besonders in der Weihnachtszeit, wenn mein Vater seine Zeitungstasche öffnete. Obst, Schokolade und Pralinen. „Trinkgeld“, sagte er dann und lachte. Ich kam fast immer mit leeren Händen an, höchstens gefärbt von Druckerschwärze. Das war irgendwie sein Berufsgeheimnis. Er klingelte oft dort, wo sich die Empfänger besonders auf die Zeitung freuten und zu würdigen wussten, dass die Etagen ohne Fahrstuhl zu Fuß überwunden wurden, und ließen es sich etwas kosten.
Den Lohn für das Zeitungsaustragen durfte ich übrigens behalten, und vom Trinkgeld, in welcher Form es auch immer gezahlt wurde, bekam ich die Hälfte ab.
Der Begriff „Trinkgeld“ stammt aus dem Mittelalter und meinte ursprünglich tatsächlich Geld zum Trinken. Dienstleute wie Boten, Kutscher oder Handwerker erhielten neben ihrem Lohn eine kleine freiwillige Gabe mit der Aufforderung, sich davon ein Getränk zu kaufen. Dieses „Geld für den Trunk“ war kein fester Bestandteil der Bezahlung, sondern ein Zeichen der Anerkennung für guten Service. Im Laufe der Zeit wandelte sich die Bedeutung. Aus dem wörtlichen Geld fürs Getränk wurde das heutige Trinkgeld, ein freiwilliger Bonus für gute Dienstleistung, unabhängig davon, wofür das Geld letztlich ausgegeben wird.
Heutzutage ist dieser Brauch immer noch vorhanden. Wenn ich eine neue Waschmaschine bestelle, wird sie uns ins Haus geliefert und angeschlossen. Das kostet natürlich extra. Da der Mitarbeiter dabei einige Stockwerke ohne Fahrstuhl überwinden muss, finde ich ein Trinkgeld absolut angebracht.
Aber das ist bei mir zumindest keine Selbstverständlichkeit. Mir unbegreiflicherweise bekommen ausschließlich ganz bestimmte Berufsgruppen ein Trinkgeld. Meistens sind es Handwerker und Dienstleister. Der Maler, die Friseurin, der Klempner, der Servicemitarbeiter im Restaurant und ähnliche Tätigkeiten.
Aber warum ist das so? Warum bekommt nicht der nette Verkäufer ein Trinkgeld, der mich mit Geduld beraten und mir auch die achte Hose gebracht hat, weil ich mich nicht entscheiden konnte?
Warum nicht der Mitarbeiter im Reisebüro, der mir eine Stunde Aufmerksamkeit geschenkt hat und ich trotzdem ohne etwas zu kaufen gegangen bin, weil ich immer noch unentschlossen war? Und wieso nicht die überaus freundliche Mitarbeiterin hinter dem Tresen beim Bäcker, die stets zuvorkommend ist, selbst wenn sie am Feiertag arbeiten muss, während ich ausgeschlafen meine Brötchen von ihr einpacken lasse und sie mir ein Lächeln schenkt?
Was haben all diese arbeitenden Menschen falsch gemacht, dass sie nicht die gleiche Wertschätzung von ihren Kunden erhalten wie andere?
Nehmen wir das Beispiel Friseur. Wie fast überall sind auch hier die Kosten geradezu explodiert. Ein kleines Hinweisschild zeigte mir neulich, dass durch gestiegene Mindestlöhne und andere Preissteigerungen eine Preiserhöhung nicht zu vermeiden sei und bat um Verständnis. Soll das heißen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Mindestlohn bezahlt werden? Allein das finde ich sehr problematisch und kann es nicht nachvollziehen. Dann werden sie bezahlt wie ungelernte Hilfsarbeiter, obwohl sie doch meist gelernte Fachkräfte sind. Ich rede dabei nicht von Barbershops, in denen teilweise vielleicht nur angelernt wird.
Warum ist es also eher selbstverständlich, dass ich beim Friseur Trinkgeld geben muss?
Was sich in letzter Zeit in einigen Restaurants etabliert hat, ist, dass man sich Essen und Getränke selbst holt und dann bei der Kartenzahlung gefragt wird, ob man 7,5, 15 oder gar 20 Prozent Trinkgeld geben möchte. Wofür denn bitte? Dafür, dass man mir eine Brezel in die Hand drückt? Das ist mir ein Rätsel.
Als kaufmännischer Angestellter habe ich, obwohl ich generell freundlich, zuvorkommend und kompetent im Alltag bin, kaum Trinkgeld von meinen Kunden bekommen. Ja, es kam vor, war aber die absolute Ausnahme.
In Japan ist Trinkgeld ungefähr so beliebt wie lautes Telefonieren in der Bahn. Man macht es einfach nicht. Der Service ist hervorragend, freundlich und aufmerksam, und trotzdem käme niemand auf die Idee, extra Geld auf dem Tisch liegen zu lassen. Würde man es tun, rennt einem das Personal im Zweifel hinterher, leicht panisch, mit dem Gedanken: „Oh nein, der Gast hat sein Geld vergessen!“
Der Grund ist simpel und irgendwie beneidenswert. Guter Service gehört zum Job, nicht zur Verhandlung. Freundlichkeit ist kein Bonuslevel, das man freikaufen muss, sondern Standard. Das Personal lächelt nicht, weil am Ende vielleicht zwei Euro winken, sondern weil es Teil der Professionalität ist. Punkt.
Für uns wirkt das fast utopisch. Kein Rechnen, kein innerer Konflikt zwischen „War das jetzt 10 oder schon 15 Prozent wert?“, kein schlechtes Gewissen beim Bezahlen. Man zahlt, bedankt sich, verbeugt sich vielleicht leicht, und alle gehen zufrieden ihrer Wege.
So würde ich mir das bei uns auch wünschen: faire Bezahlung, klare Preise, kein Trinkgeld-Tango. Wertschätzung ja, Abhängigkeit vom Extra-Geld nein.
Und wenn man wirklich Danke sagen will, dann mit ehrlicher Freundlichkeit, nicht mit Kleinem auf dem Tisch. Wenn die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vernünftig bezahlt werden, wäre das auch überflüssig. Woanders funktioniert es ja auch.
Manchmal wünsche ich mir, auch wir würden das verstehen und leben.