Verspätetes Frühlingserwachen

Es hat sich in diesem Jahr wirklich angefühlt, als würde der Winter überhaupt kein Ende nehmen wollen. Dunkel, kalt, nass, grau. Wochenlang Regen, zwischendurch Schnee, dann wieder Eis und morgens diese Temperaturen, bei denen man schon beim Blick aus dem Fenster keine Lust hatte, überhaupt vor die Tür zu gehen. Irgendwann wusste man gar nicht mehr, welcher Monat eigentlich gerade ist. Der Januar zog sich wie Kaugummi, der Februar war kaum besser und selbst im März hatte man noch das Gefühl, mitten im tiefsten Winter zu stecken.

Normalerweise merkt man irgendwann ganz langsam, dass der Frühling kommt. Die ersten Sonnenstrahlen, die ersten etwas milderen Tage, hier und da ein paar Knospen. Aber dieses Jahr? Dieses Jahr hat die Natur uns wirklich warten lassen. Der März kam, aber so richtig verändert hat sich erst einmal nichts. Dann wurde April und man dachte ständig: „Jetzt müsste es doch langsam mal wärmer werden.“ Aber stattdessen stand man wieder mit kalten Händen draußen und zog die Winterjacke enger zu.

Und plötzlich, wirklich fast über Nacht, war alles anders.

Man schaut morgens aus dem Fenster und auf einmal ist alles grün. Nicht nur ein bisschen. Nein, richtig sattes, kräftiges Grün. Die Bäume sind voll, die Hecken explodieren förmlich, überall wachsen Blumen und der Flieder steht in voller Blüte. Teilweise sieht man kaum noch die Nachbarn hinter den ganzen Blättern und Ästen. Die Wiesen leuchten grün, der Raps bringt dieses intensive Gelb in die Landschaft und überall tauchen kleine Blümchen auf, wo vorher einfach nur graue Erde war.

Es ist jedes Jahr wieder faszinierend, wie schnell die Natur erwacht. Wochenlang passiert scheinbar nichts und dann kommt dieser Moment, an dem alles gleichzeitig losgeht. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt.

Und mit der Natur kommen auch die Tiere zurück. Morgens wird man inzwischen nicht mehr vom Wecker geweckt, sondern von Vogelstimmen. Wobei manche Vögel inzwischen wirklich erstaunlich laut geworden sind. Die scheinen morgens schon deutlich früher wach zu sein als alle anderen. Kaum wird es hell, geht draußen das Konzert los. Eichhörnchen flitzen über die Wiesen und durch die Bäume, manchmal so nah vorbei, dass man fast Angst haben muss, sie laufen einem über die Füße.

Weniger schön sind allerdings die gefühlt tausend Krähen, Tauben und Möwen. Davon gibt es inzwischen wirklich mehr als genug. In manchen Straßen läuft man schon automatisch schneller unter den Bäumen durch, weil man ständig denkt, hoffentlich landet jetzt nichts von oben auf dem Kopf. Und dieser Lärm. Das Gekrächze der Krähen, das ewige Gurren der Tauben früh am Morgen, manchmal fragt man sich wirklich, warum diese Tiere ausgerechnet direkt vorm Schlafzimmerfenster ihre Treffen veranstalten müssen.

Aber trotzdem überwiegt am Ende das Schöne.

Erst neulich waren wir spazieren. Eigentlich nur eine kleine Wanderung durch einen Wald, nichts Besonderes. Aber genau solche Wanderungen genießt man plötzlich wieder richtig. Dieses Licht zwischen den Bäumen, der Duft nach feuchter Erde, frischem Grün und Blüten. Überall Bewegung, überall Leben. Ein Waldspaziergang fühlt sich im Frühling fast wie ein kleiner Wellnessbesuch an. Man wird ruhiger, entspannter und irgendwie auch leichter im Kopf.

Vielleicht liegt das einfach daran, dass die dunklen Monate vielen Menschen mehr zusetzen, als man oft zugibt. Wenn morgens alles grau ist und es früh abends schon wieder dunkel wird, fehlt einfach etwas. Man funktioniert zwar irgendwie, aber die Energie ist eine andere. Und dann kommen plötzlich diese helleren Tage zurück. Die Sonne scheint morgens durchs Fenster direkt ins Gesicht und sofort fühlt sich alles leichter an. Man hat wieder mehr Lust rauszugehen, etwas zu unternehmen, länger wach zu bleiben oder einfach nur draußen zu sitzen.

Es ist schon erstaunlich, wie sehr Licht und Sonne unsere Stimmung beeinflussen.

Trotzdem hört man momentan überall denselben Satz: „Für die Jahreszeit ist es eigentlich noch viel zu kalt.“ Und ehrlich gesagt stimmt es ja auch. Wir haben fast Mitte Mai und draußen sind teilweise gerade mal sechs Grad. Die dicke Winterjacke wollte ich eigentlich längst wegräumen, aber stattdessen hängt sie immer noch griffbereit an der Garderobe. Man läuft morgens raus und denkt sich, das kann doch jetzt nicht wahr sein.

Und dann hört man gleichzeitig, dass auf Mallorca, gerade mal zwei Stunden und fünfzehn Minuten entfernt, schon 25 Grad sind. Natürlich wird man da neidisch. Während andere am Strand sitzen und Sonne tanken, zieht man hier wieder die Kapuze enger zu.

Wobei man fairerweise sagen muss, es müssen gar nicht immer 30 Grad sein. So angenehme 20 Grad, Sonne, leichter Wind, das wäre eigentlich vollkommen genug. Aber aussuchen können wir uns das Wetter leider nicht, auch wenn wir es manchmal wirklich gerne würden.

Vielleicht gehört genau das aber auch dazu. Dieses Warten. Diese Sehnsucht nach Wärme, nach Sonne, nach längeren Tagen. Vielleicht fühlt sich der Frühling gerade deshalb jedes Jahr wieder so besonders an, weil der Winter vorher oft so endlos wirkt.

Und genau jetzt merkt man wieder, der Sommer steht eigentlich schon vor der Tür. Die Abende werden länger, die Luft riecht anders und man ahnt schon, wie bald wieder diese warmen Nächte kommen, in denen man viel zu lange draußen sitzt und plötzlich erst um 22 Uhr merkt, wie spät es eigentlich geworden ist.

Nach diesem langen Winter fühlt sich das alles fast ein bisschen wie Aufatmen an.