Von Menschen die in Zelten wohnen

Es war wieder so weit. 

Der Sommer in Bad Segeberg ist für uns fast untrennbar mit den Karl-May-Spielen verbunden. Dieses Mal war es besonders schön, denn die Kalkberg-Arena war augenscheinlich restlos ausgebucht.

Schon beim Betreten spürte man die Vorfreude. Überall lachende Gesichter, der Duft von Bratwurst und Popcorn lag in der Luft und man merkte sofort, wie gut es den Menschen tut, für ein paar Stunden aus dem Alltag herauszukommen. Wer wollte, konnte sich etwas bemalen lassen, ein paar Striche oder ein Blitz auf die rechte Wange, ein Zacken links. „Wenn du von jedem einen Euro dafür nehmen würdest, wärst du am Ende der Vorstellung reich“, sagte ich spitzbübisch zu der jungen Frau mit dem Pinsel in der Hand. „Gute Idee“, schmunzelte diese leise.

Noch bevor das Spektakel begann, sangen wir alle gemeinsam „Country Roads“. Ein ganzer Chor aus hunderten Kehlen, begleitet vom rhythmischen Klatschen des Publikums. Man schaute sich um, lächelte Fremden zu, und für diesen Moment war die Welt einfach ein bisschen leichter. Keine Eile, keine Sorgen. Nur diese ganz besondere Stimmung, die entsteht, wenn viele Menschen dasselbe erleben und fühlen.

Und dann kam er. Winnetou. Der Augenblick, in dem er in die Arena ritt, war magisch, natürlich begleitet von der passenden Melodie. Ich bekam tatsächlich Gänsehaut, wie viele andere sicherlich auch. Es war, als würde sich ein unsichtbarer Faden durch die Zuschauerreihen ziehen, der uns alle miteinander verband.

Erinnerungen an früher kamen hoch, an Zeiten, als Pierre Brice diese Rolle mit so viel Würde und Herzenswärme verkörperte. Auch wenn heute ein anderer in die Mokassins schlüpft, die Magie ist geblieben. Meine Kindheit, ich in meinem Indianerkostüm, lief im Zeitraffer durch meine Gedanken. Einfach schön.

Die Handlung in diesem Jahr war wieder voller Abenteuer. Es ging um Freundschaft, Mut und den unerschütterlichen Willen, das Richtige zu tun. Kämpfe, Reitkunst, Explosionen, alles perfekt inszeniert. Besonders gefallen hat mir, wie die Darsteller sich in jede Szene werfen, mit vollem Einsatz, bei Hitze oder Regen, unter den Scheinwerfern, oft in schwerer Kleidung und mit akrobatischen Einlagen. Das muss unglaublich anstrengend sein, und trotzdem wirkt es so leicht, so selbstverständlich.

Zwischendurch gab es eine Passage, in der nicht von „Indianern“ gesprochen wurde, sondern von „Menschen, die in Zelten leben“. Ich muss ehrlich sagen, ich fand das etwas befremdlich. Es passt für mich nicht in die Welt von Karl May.

Ich verstehe, dass man heute vieles anders sehen will, aber manchmal habe ich den Eindruck, dass wir es ein bisschen zu weit treiben. Indianer darf man nicht mehr sagen, Zigeunerschnitzel und viele andere Dinge auch nicht. Alles wird auf die Waagschale gelegt. Mir fehlt da manchmal die Leichtigkeit, der Blick auf das Wesentliche.

Trotzdem war der Abend rundum gelungen. Wir saßen noch eine Weile nach dem Schlussapplaus auf unseren Plätzen, während die letzten Darsteller die Arena verließen und das Licht langsam ausging.

Es fühlte sich an wie eine kleine Reise in eine andere Welt. Eine Welt, in der Gut und Böse noch klar zu unterscheiden waren, in der Freundschaft zählte und in der man einfach für zwei Stunden alles um sich herum vergessen konnte.

Auf dem Heimweg dachte ich daran, wie schön es ist, dass so viele Menschen dieses Erlebnis teilen. Dass es Orte gibt, an denen man gemeinsam lachen, staunen, mitfiebern kann. Orte, die uns daran erinnern, dass wir mehr sind als unsere Sorgen und Termine.

Und dass manchmal ein Abend am Kalkberg mehr wert ist als jede Nachrichtensendung.

Wir freuen uns schon jetzt auf das nächste Jahr.