Von unschätzbarem Wert-
ein Spaziergang durch meine Gedanken
Vor kurzem klang mir eine ganze Weile eine Aussage eines Kollegen nach. Bei uns in der Firma hat man noch gut eine Handvoll Kollegen, die man bereits seit Jahrzehnten kennt und schätzt.
Man hat in den Jahren diese Kollegen auch außerhalb der täglichen Routine kennengelernt und im Laufe der Zeit viel über sie gelernt. Irgendwann stellt man fest, wie der andere tickt und ob die eigene Uhr im Einklang ist. Das ist nicht sehr oft der Fall und die Gespräche reduzieren sich dann meist auf geschäftliche oder eher belanglose Themen.
Aber dann gibt es eben diese Handvoll, wo der Austausch weit darüber hinausgeht. Irgendwann kennt man die Probleme, die Wünsche, vielleicht auch das familiäre Umfeld, den Menschen mit all seinen Facetten, Vorzügen und Macken. Wenn das der Fall ist, verläuft ein Gespräch nicht als Monolog, sondern auf gegenseitigem, echtem Interesse.
Wenn Gespräche einseitig werden
Immer häufiger finden Gespräche statt, die mit Meinungsaustausch rein gar nichts zu tun haben. Meinungsaustausch ist, wenn du mit deiner Meinung zu deiner Gehaltserhöhung zum Geschäftsführer gehst und wieder einmal mit seiner rauskommst.
Kleiner Scherz am Rande.
Aber tatsächlich stelle nicht nur ich, sondern auch meine Frau fest, dass Gespräche immer öfter nur einseitig verlaufen. Der oder die Gegenüber erzählt und erzählt, sehr oft von den Kindern, die du weder kennst noch jemals kennenlernen wirst, und schon verabschiedet man sich wieder. Kein wie geht’s dir, wie war der Urlaub oder sonstiges Interesse an einem selbst. Da kann man dann auch drauf verzichten und sich stattdessen ein Hörbuch anhören oder in der Pause, wenn es möglich ist, powernappen.
Worte mit Gewicht
Dieses Gespräch also, jetzt komme ich wieder zum Anfang, war von der angenehmen Art mit echtem Interesse. Als er dann sagte, er verfolge mich auf Social Media und manchmal, er sei kein neidischer Mensch, beneide er mich um die vielen schönen Momente, von denen ich dort berichte, hat mich das nachdenklich gemacht.
Schöne Hotels, schöne Orte, schöne Zeit. Nun erstelle ich keine Beiträge, um andere zu beeindrucken oder neidisch zu machen. Ich mag es einfach, kleine Mini-Videos aufzunehmen, sie zusammenzuschneiden, mit Musik zu hinterlegen und dann das Ergebnis hochzuladen. Ich freue mich, wenn ein Beitrag gelungen ist und viele ihn anschauen und vielleicht auch noch nett kommentieren. Zu jedem dieser Beiträge gibt es einen kurzen Text, der vielleicht auch andere motivieren kann, sich bestimmte Orte anzuschauen.
Und unter uns gesagt, meine eigenen Beiträge schaue ich mir von allen am liebsten immer mal wieder an. Ich freue mich dann, dieses Erlebnis gehabt zu haben, und das, bis auf wenige Ausnahmen, mit meinem Lieblingsmenschen zusammen.
Der Gedanke beim Spaziergang
Als ich dann in meiner Pause meinen Spaziergang machte, musste ich immer wieder über seinen Kommentar nachdenken. In dem Moment wurde mir noch einmal bewusst, wie gut ich es habe. All diese Momente, diese Orte, hätte ich nie erlebt, wenn ich nicht den einen Menschen an meiner Seite hätte. Ein Mensch, der seit vielen Jahren, mittlerweile auch schon Jahrzehnten, zu mir gehört, als hätte er immer schon zu meinem Leben gehört, obwohl er mir einmal völlig fremd war.
Und was für verrückte Wege wir beschritten haben. Sollte das alles so sein? War es vorbestimmt? Darauf hat fast niemand eine Antwort. Aber eine Partnerin oder einen Partner zu finden, der zu einem passt, ist doch eigentlich nahezu ein Wunder. Wie viele Menschen kennst du, mit denen du gerne Zeit verbringst, mit denen du in den Urlaub fahren würdest, mit denen du deinen Alltag teilen würdest, vielleicht sogar dein Leben? Mir fällt da keiner außer meiner Frau ein.
Erinnerungen, die bleiben
Ich dachte über den Kollegen nach und kann mich an seinen Polterabend vor vielen Jahren erinnern, obwohl direkt danach so einige Lücken in meinem Kopf waren. Ich sehe es noch vor mir. Polterabende finden ja meistens in der Woche statt und am nächsten Tag wartet die Arbeit. Ich sehe mich noch zu später Stunde nach einer tollen Feier aus der Tür des Veranstaltungsortes schwanken, zusammen mit einem anderen Kollegen, der etwa die gleiche Promille hatte. Wir setzten uns, körperlich und auch mental fertig, auf die Wiese ein paar Schritte weiter, lachten, schauten uns an und legten uns auf den Rücken.
Ein paar Minuten Schlaf und weiter geht’s, sagten wir zueinander. Wie lange dieser Schlaf dauerte, weiß ich bis heute nicht. Irgendwann wurden wir wieder wach und verabschiedeten uns. Das Faszinierende, wenn man betrunken ist, man findet komischerweise fast immer wie eine Brieftaube nach Hause.
Ich wusste, mein Weg würde sehr lang zu Fuß sein und beschloss, mir ein Taxi zu leisten. Ich ging in die nächste Telefonzelle. Für die jüngeren Leser: Eine Telefonzelle ist wie ein riesiges iPhone, in das man hineingehen kann. Dort befand sich eine Wählscheibe, mit der man die Telefonnummer wählen konnte, nachdem man runde Münzen in einen eckigen Schlitz geworfen hatte.
Die Taxizentrale anzurufen war mir tatsächlich gelungen. Wo es mich allerdings abholen sollte, konnte ich nicht angeben. Also musste ich den Weg zu Fuß beschreiten. Damals hatte ich meinen heutigen Lieblingsmenschen noch nicht, was vielleicht auch besser so war.
Wenn jemand fehlt
Diese Geschichte kommt mir immer in den Sinn, wenn ich an diesen Kollegen denke. Leider lebt er seit Jahren als, ich würde sagen, nicht unglücklicher Single. Aber es macht mich traurig, dass ein Mensch, der so viel geben kann, niemanden hat, der es annimmt.
Alleine in den Urlaub fahren würde ich auch nicht wollen. Ich überlegte, ob ich ihn nicht überreden kann, zumindest mal ein Wochenende an einem schönen Ort zu verbringen. Wer weiß, vielleicht wartet ja jemand dort auf ihn. Möglich ist alles, oder?
Ich wünsche diesem Kollegen von Herzen, dass er bald wieder jemanden findet, mit dem er all die schönen Momente teilen kann. Es ist sehr schade, dass das, was er zu geben hat, so lange nicht angenommen werden konnte. Ich hoffe sehr, dass sich für ihn bald wieder neue Türen öffnen und er nicht mehr allein durchs Leben gehen muss.
Das Wertvollste, was man haben kann
Wenn man einen Menschen gefunden hat, dessen Macken man hinnehmen kann und der die eigenen in Kauf nimmt, mit dem man seine kostbare Zeit gerne verbringt und ihn schon vermisst, wenn er gerade aus der Tür ist, mit dem man sein Leben teilen möchte, dann ist das das Wertvollste, was man erreichen kann.
Dessen sollte man sich immer wieder bewusst sein und es nicht für selbstverständlich halten.
Und am Ende meines Spaziergangs
Als ich später wieder im am Schreibtisch ankam, musste ich lächeln. Der Gedanke an das Gespräch ließ mich nicht los. Vielleicht war es gar nicht nur ein netter Austausch unter Kollegen, sondern eine kleine Erinnerung daran, wie gut es uns manchmal geht, ohne dass wir es merken.
Und genau das, dachte ich, ist von unschätzbarem Wert.