Was für einen Tag haben wir heute
Es gibt diese seltenen, fast magischen Momente, in denen wir aufwachen, die Augen langsam öffnen, das Licht durch die Vorhänge blinzelt und wir für ein paar Sekunden, vielleicht sogar Minuten, keinerlei Idee haben, was für ein Tag heute ist. Kein Montag, kein Samstag, kein „Du musst gleich los“, kein „Du hast heute das Meeting um 9 Uhr“. Nichts davon. Einfach nur Sein.
Meistens passiert das im Urlaub. In diesem besonderen Zwischenraum zwischen den Welten, in dem die eigene Uhr langsamer tickt und der Körper plötzlich versteht, dass er nicht funktionieren muss, sondern einfach leben darf. Man liegt vielleicht im fremden Hotelzimmer, hört die Klimaanlage brummen oder noch besser das Rauschen des Meeres, und für den Bruchteil eines Augenblicks ist alles so leicht, so unbestimmt, und genau deshalb so luxuriös.
Was für ein Tag haben wir heute?
Diese Frage, die im normalen Alltag unmöglich wäre, weil wir, seien wir ehrlich, immer genau wissen, welcher Tag, welches Datum, welche Uhrzeit ist. Wir sind geprügelt von Kalendern, Erinnerungen, To-dos und dem ständigen Gefühl, hinterherzuhinken. Aber im Urlaub ist die Zeit wie in Watte gepackt. Sie verliert ihre Ecken und Kanten. Man könnte theoretisch den ganzen Tag im Bett liegen bleiben, ohne dass jemand etwas sagt. Und manchmal ist genau das der wahre Luxus.
Der Alltag als Taktgeber und manchmal Tyrann!
Kaum sind wir wieder zu Hause, schnellt der Zeiger unbarmherzig zurück auf Alltagstempo. Spätestens am ersten Arbeitstag weiß man wieder: Dienstag. Viertel nach acht. Der Bus kommt in drei Minuten, wenn man denn mit dem Bus fahren muss. Die Mails haben sich über das Wochenende gestapelt. Die Waschmaschine wartet. Der Paketbote klingelt, natürlich genau dann, wenn man gerade unter der Dusche steht.
Wir tragen die Uhr am Arm oder, noch schlimmer, das Smartphone, das uns den ganzen Tag mit kleinen roten Punkten daran erinnert, wie sehr wir gerade nicht hinterherkommen. Während der Arbeitszeit hetzen wir von Meeting zu Meeting, beantworten Anfragen, planen Projekte, und nach Feierabend beginnt der zweite Teil des Stundenplans:
Der Einkauf, der Arzttermin, die Tanzstunde der Tochter, der Geburtstag der Kollegin, das Paket abholen, vielleicht noch „schnell“ Sport, oder wenigstens den Müll runterbringen, bevor man schon wieder den Tag der Abholung verpasst.
Viele dieser Verpflichtungen legen wir uns selbst auf. Niemand zwingt uns, drei Hobbys gleichzeitig zu haben oder die Wohnung so perfekt zu halten, dass sie theoretisch jederzeit für ein Wohnmagazin fotografiert werden könnte. Niemand sagt, dass man nach 20 Uhr noch erreichbar sein muss, außer wir selbst. Oft wollen wir alles schaffen, alles können, überall funktionieren. Und genau das ist es, was uns auslaugt.
Manchmal frage ich mich:
Warum erlauben wir uns im Alltag nicht diesen Luxus, den wir im Urlaub selbstverständlich erwarten?
Warum nicht mal einen Tag ohne Uhr? Oder wenigstens einen halben Nachmittag ohne Blick aufs Display?
Der Traum vom Privattier und was er in uns auslöst.
Und dann gibt es da diesen Gedanken, den vermutlich jeder schon einmal hatte: Was wäre, wenn ich einfach nicht mehr arbeiten müsste?
Wenn man plötzlich im Lotto gewinnt, oder irgendeine überraschende Erbschaft ins Haus flattert?
Welch ein Wort: Privattier.
Es klingt fast altmodisch, nach Champagner im Garten und nachmittäglichen Spaziergängen im eigenen Tempo. Nach einem Leben, in dem der Kalender nur noch als Deko existiert.
Vielleicht ist es dieser Gedanke, der uns manchmal durch besonders anstrengende Tage rettet. Der kleine Tagtraum, der uns für einen Moment den Druck von den Schultern nimmt: Keine Deadlines, keine Stempeluhr, kein „Können Sie mir das bis morgen schicken?“. Nur Zeit. Zeit, um zu lesen, Kaffee zu trinken, neue Orte zu sehen oder auch einfach mal nichts zu tun.
Natürlich wissen wir, dass dieser Traum für die meisten nur ein Traum bleibt. Aber allein, dass wir ihn haben, zeigt etwas Wichtiges: Wir sehnen uns nach Entschleunigung. Nach Stunden, die uns gehören. Nach Tagen, die nicht wie auf Schienen an uns vorbeirattern.
Warum wir diesen Moment wertschätzen sollten:
Vielleicht ist es deshalb so schön, im Urlaub aufzuwachen und nicht zu wissen, welcher Tag heute ist. Nicht weil wir die Orientierung verloren hätten, sondern weil wir sie für einen Moment einfach nicht brauchen. Weil das Gewicht der Termine und Verpflichtungen von uns abfällt und wir uns erlauben, leicht zu sein.
Vielleicht sollten wir uns diesen Luxus häufiger selbst schenken, nicht nur im Urlaub.
Mal das Handy zu Hause lassen.
Mal ohne Plan aus dem Haus gehen.
Mal die Zeit vergessen, statt ihr hinterherzujagen.
Denn am Ende ist es doch genau dieses Gefühl, das wir im Gedächtnis behalten:
Der Moment, in dem wir wach werden, uns strecken, tief einatmen und für einen kurzen Herzschlag lang denken:
Was für einen Tag haben wir heute?
Und die Antwort ist:
Egal. Es ist meiner.